Interview bei den Proben in München;

Ein Mephisto mit dem Vornamen Maria

Das hat es auf der deutschen Bühne noch nicht gegeben: Mephisto in Frauengestalt! Maria Becker, international gefeierte Heldin vieler klassischer Dramen von Kleist bis Shaw, ist die erste, die es

In einem hellblauen Jeansanzug kommt Maria Becker aus der Probe der Walpurgisnacht. Frage: "War das Ihre Idee?"

Antwort: "Nein, das ist nicht meine Idee gewesen. Michael Degen (er inszenierte 1974 am Münchner Residenztheater schon einen .Faust' mit Hans Körte als Mephisto) hat das vorgeschlagen und mich dazu aufgefordert. Intendant Kurt Meysel hat den Einfall gut geheißen, und da die beiden ihr Vertrauen in mich gesetzt haben, brauchte ich für meinen Entschluß den .Faust' nur noch einmal zu lesen und kurz nachzudenken."

Ende Mai haben die Proben angefangen, im Oktober wird Premiere sein. Daß "Faust II" erst in der nächsten Spielzeit stattfindet, weil versäumt wurde, Maria Beckers Vertrag fristgemäß zu verlängern, hatte in München einige Empörung ausgelöst. Doch wurde der Krach beigelegt ? und die Zuschauer fügten sich ins Unvermeidliche. Maria Bekker selbst äußert sich zu diesem Vorgang nicht.

Ist ihr bewußt, daß an international bekannte Namen außerordentliche Erwartungen geknüpft werden, wenn sie etwas so total Neues versuchen, und daß da ein ungeheures Risiko drinliegt?

"Ja, es ist mir persönlich sehr unangenehm, daß man wahrscheinlich nur das Sensationelle an diesem Versuch sieht. Ich darf gar nicht daran denken, denn ich kann ja nicht die Pros und Contras im Zuschauerraum mitspielen. Ich habe ein künstlerisches Material, das ich umsetzen muß."

wagt. Schon laufen die Vorbereitungen für die "Faust"-Inszenierung mit dem weiblichen Mephisto auf Hochtouren. Das Hamburger Abendblatt besuchte Maria Becker bei den Proben in München. Welche Mephisto-Gestalten hat sie vor Augen?

"Ich habe natürlich Gründgens als Mephisto viele Male gesehen und in Zürich auch Ginsberg. Als Schülerin der Wiener Reinhardt-Schule habe ich in Salzburg sogar noch Werner Kraus erlebt. Aber ich darf auf keinen Fall versuchen, Mephisto als Mann zu spielen. Er ist ja ein geistiges Wesen. Keine feste Person. In jeder Szene zeigt er immer neue Seiten. Er ist genau das, was Goethe formuliert hat: ,ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft'."

Über das Kostüm für den weiblichen Mephisto verrät Maria Becker nur so viel, daß es eine Synthese zwischen Mittelalter und Moderne ist. Walter Dörfler, der auch bei Ingmar Bergmans "Traumspiel" Bühnenbild und Kostüme schuf, hat das auch für diesen "Faust" übernommen.

Ist es ein großer Unterschied, ob man den "Faust" nur als Zuschauer erlebt oder selbst auf der Bühne mitspielt?

"Es ist etwas ganz anderes, ob man die Worte Goethe" gesprochen im Theater hört, oder ob man sie auf der Bühne selber spricht. Ich bin überwältigt von der Knappheit und der Kraft dieser Sprache. Ein einziger Satz sagt oft aus, wozu heute drei Seiten und mehr verbraucht werden. Ich habe die Helena im ,Faust II' einmal gespielt und das Gretchen natürlich als Rolle in der Schauspielschule gelernt. Aber diese Mephisto-Rolle eröffnet mir ganz neue Tiefen."

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