Die Geschichte einer Straße, die es noch gar nicht gibt

Schon unter Kaiser Wilhelm Tauziehen um die Osttangente

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EGBERT A. HOFFMANN

Jeder Tag bringt neue Leserbriefe zum Thema Osttangente. Pro und Contra halten sieh etwa die Waage. Was vermutlich kaum jemand weiß: Schon vor mehr ab sechzig Jahren erhitzten sieh die Hanseaten Aber dieses Thema. Hier die Geschiente einer Straße, die bisher nicht gebaut wurde.

Die ersten Benzinkutschen knatterten in gemächlichem Tempo über die Langenhorner Chaussee, die damals wirklich noch eine "Chaussee" mit Katzenkopfpflaster war ? eine staubige Landstraße zwischen Stadtranddörfern. Da kamen Anwohner auf die Idee, daß die "schnellen" Autos eigentlich eine bessere Chaussee verdient hätten. Auch die Behörden waren dieser Meinung. So entstand die Skizze einer neuen ? wie es hieß ? "Ausfallstraße", die westlich der Langenhorner Chaussee durch satte Wiesen führte. Man schrieb das Jahr 1913.

Während des ersten Weltkriegs

verschwanden die Pläne in Amtsschubladen. Aber 1925 wurden sie wieder hervorgeholt. Sogar Hamburgs berühmter Stadtplaner Fritz Schumacher engagierte sich stark für diese Schnellstraße, die zwischen Ochsenzoll und Zeppelinstraße mehrere neue Stadtteile miteinander verbinden und die Langenhorner Chaussee entlasten sollte.

Erst 1949 sprach man wieder über die Entlastungsstraße. Ein Jahr später war sie im ersten Aufbauplan enthalten, und zwar mit fast gleicher Trassenführung wie anno 1913. Nun stimmte auch Schleswig- Holstein zu. Detaillierte Durchführungspläne legte die Baubehörde jedoch erst 1959 vor. Gleichzeitig wurden beiderseits der Trasse die Bebauungsgebiete festgelegt.

Folgerichtig tauchte in jenen Jahren die Osttangente erstmals als vollwertige Autobahn in ganzer Länge zwischen Ochsenzoll und Moorfleet auf. Die Planer malten auf dem Stadtplan dicke Striche durch dicht bebaute Viertel. Auch viele Politiker waren bereit, dem gummibereiften Individualverkehr gegenüber öffentlichen Verkehrsmitteln eindeutig die Vorfahrt einzuräumen ? mit Stadtautobahnen, die gewachsene Wohngebiete zerschneiden. Das Wort Lebensqualität hatte in der Millionenstadt noch wenig Gewicht. 1961 wurden Durchführungspläne für die City Nord festgelegt. In den folgenden Jahren setzte sich für die Osttangente besonders ein Mann ein: Dr. Hans Apel, damals Vorsitzender des Bundesverkehrsausschusses, heute Bundesfinanzminister.

Dennoch geschah jahrelang nicht viel zur Verwirklichung des Vorhabens. 1971/72 war dem Flächennutzungsplan zu entnehmen: Die Osttangente soll doch keine Autobahn werden. Plötzlich wurde von einer "kleinen Lösung" gesprochen ? die Osttangente sollte an der Straße Tarpen in die Langenhorner Chaussee einmünden. Nun wurde die Finanzierung durch Bonn mit der Auflage gekoppelt, die Osttangente müsse eine Verbindung zur neuen Autobahn Hamburg ? Kiel haben. Damit war die "kleine Lösung" gestorben.

Nach 1972 begann die Baubehörde, Nägel mit Köpfen zu machen: Detaillierte Pläne wurden ausgearbeitet und die nötigen Grundstücke gekauft. Währenddessen nahmen die Proteste der Anwohner gegen negative Auswirkungen der Osttangente zu. Deshalb erkundete die Baubehörde auf Wunsch des Bezirksamts Nord von 1972 bis 1974 im Raum Langenhorn eine neue Trasse ? weiter westlich, dichter am Flughafen entlang, um möglichst wenig gewachsenes Wohngebiet zu zerschneiden. ? Ob und wie diese Stadtautobahn gebaut wird, soll sich in den nächsten Wochen entscheiden.

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