Urteil ohne Kompromiß für die Entführer

gu. Fulda, 15. Januar

Mit einem kompromißlosen Urteil, dessen Härte nach Meinung des Münchener Streifverteidigers Rolf Bossi' Gefahren für die Sicherheit künftiger Entführungsopfer birgt ("Wenn anständige Behandlung des Entführten bei Gericht nicht mildernd wirkt, dann werden Kidnapper leichter ihre Opfer töten, um wenigstens nicht identifiziert zu werden!"), endete in Fulda nach vier Tagen der Prozeß gegen die Entführer des Supermarkt-Millionärs Wolfgang Gutberiet (32): Der Initiator Horst Hoos (37) muß für zehn, sein Schwager Leonhard Miethe (34) für neun und der Helfer Hans Weller (26) für sieben Jahre hinter Gitter. Außerdem wurde ihnen für fünf Jahre der Führerschein entzogen ( !)

Die Angehörigen der Kidnapper, die bebend an den Lippen des Gerichtsvorsitzenden Albert Horst hingen und offenbar auf ein Wunder hofften, brachen bei Verkündung des Strafmaßes zusammen. Die Ehefrau des

Hauptangeklagten mußte mit einem Schreikrampf aus , dem Saal geführt werden, während Miethes Frau und Wellers Mutter die Urteilsbegründung in Tränen aufgelöst zu Ende hör" ten. Die drei Verurteilten bewahrten nur mühsam die Fassung.

Fünfzehn Jahre beträgt die Höchststrafe für Entführung, sofern das Opfer mit dem Leben davonkommt. Da sie ihre Geisel relativ gut behandelt und nicht mit dem Tod bedroht hatten, rechneten sich Hoos, Miethe und Weller für ihren Prozeß durch eine Flucht nach vorn die besten Chancen aus. Sie zeigten sich im Laufe der Ermittlungen so kooperativ und geständnisfreudig, daß das Verfahren in der Rekordzeit von drei Monaten nach der Tat angesetzt werden konnte. Dafür, so hofften sie, kämen sie in den Genuß aller nur möglichen- mildernden Umstände.

Doch Richter Horst zeigte sich unbeeindruckt von Geständnis-* sen und Reue. Er konstatierte erwiesenen gemeinschaftlichen Menschenraub, räuberische Erpressung und Freiheitsberaubung, die durch die Beweisaufnahme nichts von ihrer brutalen Zielstrebigkeit eingebüßt hätten. Zwei Punkte sprächen, so das Gericht in der Urteilsbegründung, gegen die These der "rücksichtsvollsten und menschlichsten Entführung" innerhalb der Kidnapping-Serie der letzten Jahre: Erstens die scharfe Pistole, die Hoos bei der Entführung verwendet habe; zweitens die Lösegeldforderung in Höhe von zwei Millionen Mark, obgleich Hoos im Prozeß nur von einer halben Millionen Mark Schulden gesprochen habe.

Das Gericht mochte unter diesen Umständen nicht glauben, daß es den Kidnappern bei der Entführung nur darum gegangen sei, ihre Schulden loszuwerden. "Sie wollten den großen Fischzug machen!" Dabei seien sie mit erheblicher krimineller Energie vorgegangen, denn sie hätten nach zwei mißglückten Versuchen energisch ihr Ziel weiterverfolgt. Für unwahrscheinlich hielt es das Gericht, daß das Gutberlet-Kidnapping Vorbild für die folgenden spektakulären Entführungen (Snoek, Oetker, Egolf) gewesen sei. Der Vorsitzende: "Diese Entführungen waren, als die Angeklagten Wolfgang Gutberiet in ihre Qewalt brachten, mit großer Wahrscheinlichkeit längst geplant!"

Mit seinem relativ harten Urteil folgte das Gericht weitgehend den Anträgen von Oberstaatsanwalt Fritz Reichwein, nur im Fall Hoos blieb es ein Jahr darunter. Damit machte es sich auch die Argumentation der Staatsanwaltschaft zu eigen, die gefordert hatte: "Nach Mord und Totschlag ist der erpresserische Menschenraub das gefährlichste und niederträchtigste Verbrechen! Dieses Gangstertum muß mit allen gesetzlichen Mitteln bekämpft werden, damit das Risiko für die Täter größter wird und sich diese Verbrechensform nicht wie eine Epidemie ausbreitet!" Die Verteidiger der drei Verurteilten wollen gegen das Urteil Revision einlegen.

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