Ein Mann sieht rot

Victor Kirst, in Bonn mehr denn in seiner Heimat geschätzter Altliberaler, wirft der Hamburger FDP- Führung "Linksextremismus" vor. Dieser massive Vorwurf hat die sich gegenüber Extremisten tolerant gebenden FDP-Politiker getroffen.

Kritik an innerparteilichen Verhältnissen ist ebenso legitim wie das Bemühen eines Politikers, Männer seiner Überzeugung hinter sich zu bringen, um die Partei in seinem Sinne zu beeinflussen. Der Bonner Fraktionsvize dürfte mit kritischen Bemerkungen gegenüber der linksab vom Genscher-Kurs driftenden Hamburger Partei wohl auch bei nicht wenigen politisch interessierten Bürgern auf grundsätzliches Vertändnis stoßen.

Doch Victor Kirst hat. so scheint es. bei seinem Vorstoß Augenmaß und Realitätsbewußtsein vermissen lassen. Man mag darüber streiten, wie "links" man den einen oder anderen Freidemokraten einordnen will. 150 führende FDP-Politiker der Hansestadt jedoch pauschal als "linksextrem" abzustempeln, das kann Kirst nur um den Preis seiner politischen Glaubwürdigkeit tun.

Zudem überschätzt der aus Bonn scheidende Politiker, der fast seine ganze Zeit und Kraft der Bundesrepublik gewidmet hat, offenbar seinen Hamburger Anhang. Gewiß bedeuten die Altliberalen noch etwas in der hanseatischen FDP, doch kann diese Gruppierung schon geraume Weile keinen entscheidenden Einfluß mehr ausüben.

Sogar Kirst nahestehende Parteifreunde haben auf sein Vorpreschen bislang nicht reagiert. Der FDP-Politiker hat sich mit seinem Rundumschlag vermutlich mehr isoliert, als es der Wählerentscheid vom Sonntag vermochte. Eigentlich schade um einen Mann, der sich als Bundespolitiker zweifellos Verdienste erworben hat.