Er verzichtete darauf, Papst zu werden. Hamburg sollte sein Rom sein, Hauptstadt eines Patriarchats des Nordens. Nun ist Adalberts Lebenswerk vernichtet.

Die Wenden zerstören Hamburg

Herbst 1066

Hamburg, "die gesegnete Mutter aller Völker des Nordens", besteht nicht mehr. Der Dom ist zerstört, die Burg erstürmt; die Häuser sind niedergebrannt Nur wenige der 900 Einwohner konnten sich retten.

Männer, Frauen und Kinder wurden erschlagen oder in die Sklaverei feführt Plusso, der Wendenfürst, ist [err über Holstein, Dithmarschen und Stormarn. Alle Slawenstämme in Mecklenburg haben sich dem großen Aufstand angeschlossen. Vor 22 Jahren hatten die Slawenstämme das Christentum angenommen und sich unter dem Obotritenfürsten Gottschalk der sächsischen Lehnshöheit unterstellt.

Nuif zeigt es sich, daß die Unterwerfung nur äußerlich war. Nur unter Zwang hatten sie die hohen Abgaben für die vielen neuen Bistümer und Klöster in Ratzeburg, Oldenburg, Lenzen an der Elbe und dem 1050 von Gottschalk gegründeten Lübeck gezahlt.

Das erste Opfer des Aufstandes war Fürst Gottschalk selbst. Der Mönch Ansver und viele andere Geistliche wurden in Ratzeburg zu Tode gesteinigt Der Bischof Johannes von Mecklenburg wurde gefoltert und dann dem Heidengott Radegast geopfert Wie Hamburg wurde auch Schleswig vollständig zerstört

Der 66jährige Erzbischof Adalbert erfuhr von der Zerstörung der Stadt, an der .sein ganzes Herz hängt, in Lochtum bei Goslar. Dorthin hat er sich zurückgezogen, nachdem die deutschen Fürsten ihn im Januar entmachtet hatten, um seinen Einfluß auf König Heinrich IV. auszuschalten.

Adalberts Wunsch, im Hamburger Mariendom begraben zu werden, wird nicht in Erfüllung gehen, denn dieser Dom ist vernichtet

Aber auch wenn an "dieser Stelle me wieder eine Kirche, eine Burg oder Stadt entstehen sollte, der Name Hamburgs wird in der Geschichte unauslöschlich sein, dank Adalbert.

Adalbert aus dem Hause Wettin, Dompropst in Halberstadt, war der Nachfolger Bezelins,' der am 15. April 1043 starb. Bezelin hatte an Stelle des hölzernen Mariendoms eine Kirche aus Quadersteinen erbauen lassen und nördlich der alten Hammaburg einen steinernen Turm als Mittelpunkt der Befestigungsanlage errichtet

Adalbert führte Bezelins Bauten weiter und erfüllte die Messen im Dom mit einem Glanz und einer Pracht, wie man sie vorher nie gesehen hatte. Zu den Marienfesten zu Ostern uncj Pfingsten brannten Tausende von Kerzen im weihrauchgefüllten Dom, und Chorgesang erfüllte die Halle.

Seine Gegner, und deren hatte er viele, haben oft seine Schwächen hervorgehoben: Adalbert sei prunkliebend und eitel, und er umgebe sich mit Wahrsagern und Alchimisten. Das ist alles wahr, aber seine geschichtliche Bedeutung wird davon nicht berührt.

Wovon Kaiser Ludwig der Fromme und Ansgar kaum zu träumen wagten, hat Adalbert verwirklicht. Die geistliche Herrschaft des Hamburger Erzbischofs erstreckte sich über Dänemark, Schweden und Norwegen bis nach Lappland, Island und Grönland. Obwohl er den Namen Adalbert von Bremen trägt, hat er Hamburg zur "gesegneten Mutter aller Völker des Nordens" gemacht.

Adalbert war ein enger Freund des Königs Heinrich III. Mit ihm zog er 1046 nach Rom, wo Heinrich drei sich bekämpfende Päpste absetzte und Adalbert anbot selbst Papst zu werden. Adalbert verzichtete. Der Heilige Stuhl reizte ihn nicht. Er wollte ein nordisches Patriarchat begründen. Aus gut unterrichteter Quelle hört man, er habe an Hamburg als eine Art "Gegenrom" gedacht und vorgehabt, auf den sieben Hügeln um den Süllberg dieses neue "Rom" zu erbauen.

Vielleicht wäre ihm dies gelungen, wenn Adalberts Freund und Gönner, Kaiser Heinrich, nicht schon 1056, nur 39 Jahre alt, gestorben wäre. Und damit geriet der Hamburger Erzbischof in die Machtkämpfe des Hofes. Der Thronfolger, Heinrich IV? war erst sechs Jahre alt Seine französische Mutter Agnes hatte kaum eine Chance, sich gegen die Mächtigen im Reich durchzusetzen.

Eine Verschwörung, an der auch Adalbert beteiligt war, brachte den Prinzen in die Gewalt der Erzbischöfe, J5ie lockten ihn auf ein Rheinschiff und ließen es abfahren. Zunächst lebte der Junge bei Hanno von Köln, dann übernahm Adalbert die Erziehungj.gewann großen Einfluß auf den .künftigen König Und wurde Regent des Reiches.

Leider hielt ihn das von seinen großen Aufgaben im Norden fern. Außerdem erregte es die Mißgunst der Fürsten. Als Heinrich im Januar dieses Jahres mit 15 Jahren für mündig erklärt wurde, machten die Fürsten zur Bedingung, daß der neue König Adalbert entläßt Die Geschichte wird einmal fragen, ob es die Zerstörung Hamburgs war, die Adalbert an der Vollendung seines Werkes gehindert hat, oder ob es zu dieser fürchterlichen Zerstörung gar nicht gekommen wäre, wenn Adalbert sich .ganz seinem nordischen Patriarchat gewidmet hätte.