Vor falschen Helden muß gewarnt werden

Das einzige, das bei Horst Keitel bisher an Napoleon erinnert, ist die charakteristisch zwischen zwei Knöpfen ins Hemd geschobene Hand. Und trotzdem ? wenn am 7. September Georg Kaisers "Napoleon in New Orleans" in den Hamburger Kammerspielen Premiere hat, dann wird der beliebte Schauspieler einen echten Grafen zu wahrem Kaiserwahn hinreißen ? natürlich nur auf der Bühne. Die Tragikomödie mit Keitel in der Titelrolle inszeniert Ilo von Janko.

Ilo von Janko inszeniert "Napoleon in New Orleans"

Georg Kaiser selbst bezeichnete dies Stück, das er 1938 schrieb, als sein bestes. Er greift darin die Legende auf, daß Napoleon sich aus der Verbannung von Elba nach Amerika hat retten können. In New Orleans gibt sich ein Gaunergespann als Kaiser von Frankreich und sein Gefolge aus und nutzt die blinde Heldenverehrung des nach Amerika emigrierten Baron Dergan skrupellos aus. Im Grunde jedoch ging es Georg Kaiser nicht allein um Napoleon, sondern er zieht hintergründig die Parallele zu Hitler ? weit weniger offensichtlich allerdings als Brecht in seinem "Arturo Ui".

Die politische Tendenz ist auch für Regisseur Ilo von Janko das Interessante an der Gaunerkomödie. Holzhammermethoden sind dabei jedoch nicht seine Sache. Er will die Parallelen zum Dritten Reich mit Gesten und Gehabe deutlich machen. Trotzdem darf in den Kammerspielen gelacht werden: "Der Unterhaltungswert des Stükkes muß natürlich erhalten bleiben", sagt von Janko. "Ich bin nicht der Meinung, daß man das Publikum im Theater belehren sollte."

Noch in diesem Jahr wird der an Theatern in der ganzen Bundesrepublik und beim Fernsehen vielbeschäftigte Regisseur ein anderes Stück von Georg Kaiser inszenieren: "David und Goliath" wird im November in Berlin mit Heinz Bollmann fürs ZDF verfilmt. Von Berlin her kennt Ilo von Janko auch seinen derzeitigen Hauptdarsteller. Schon 1957 arbeitete er dort mit Horst Keitel zusammen, der jetzt in Jeans, die Hände auf dem Rücken, gewichtig mit Monarchenmiene über die Bühnenbretter stapft.

Die reizende Tochter des Barons Dergan spielt in den Kammerspielen Sabina Trooger, die bei ihrem Schauspieldebüt als Anne Frank viel Lob erntete. Ilo von Janko schließt sich den Hymnen an: ..Sie ist ein sehr begabtes junges Mädchen."

Von Janko inszeniert nicht zum erstenmal an den Kammerspielen, die er besonders wegen der so wenig perfektionierten, leicht "angestaubten" Theateratmosphäre so sehr liebt. Sein letztes Gastspiel ("Das Abgründige in Herrn Gerstenberg") liegt jedoch schon zwölf Jahre zurück. Nach Hamburg kommt er immer wieder gern. Schließlich ist er hier von 1952 bis 1959 zu Hause gewesen und hat sehr viel am Thalia Theater gearbeitet. Am meisten fasziniert den 56 Jahre alten gebürtigen Ungarn, der schon mit elf Jahren nach Berlin übersiedelte, wie sehr sich seine ehemalige Wohnstraße verändert hat. ..Damals war die Heimhuder Straße eine graue Gründerzeit-Einheitssoße. Die farbigen Häuser heute sind wirklich einmalig schön!"

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.