...wenn er Versicherungen betrügen konnte

Staatsanwalt hatte eine rege Phantasie...

seh. München, 26. März "Bitte lauter, Herr Hörauf", muß der Vorsitzende Richter am zweiten Verhandlungstag den angeklagten ehemaligen Staatsanwalt ermahnen, der sich mit leiser, stockender Stimme zur Person und Sache äu- ßert. Doch was er murmelt, ist sensationell: Unumwunden bezichtigt sich Horst Hörauf (33) des Versicherungsbetruges. In mehreren Fällen hat er demnach Schadensfälle frei erfunden. Bei anderen Gelegenheiten bediente er die Versicherungsgesellschaft mit "Gefälligkeitsrechnungen", die Firmen dem Rechtswahrer unbedenklich ausgestellt hatten.

Wieder ist das Zuhörer-Drittel des kleinen Gerichtssaals voll besetzt. Unverkennbar sind "Hörauf -Geschädigte" darunter. In den Pausen erörtern sie lauthals, wie es einem einstigen Staatsanwalt wohl im Knast ergehen würde. Auch "Vor-Urteile" werden gefällt: "Wetten, daß er mit Bewährung davonkommt ? und ohne Berufsverbot?" Brüllendes Gelächter.

Vom Verhandlungsverlauf haben die Zuhörer nicht viel. Nicht nur wegen des kaum vernehmbaren Horst Hörauf, sondern auch wegen der lapidaren Art, in der wesentliche Anklagepunkte abgehakt werden können. "Fall 5 wird eingestanden", sagt Hörauf, und keiner der Gerichtssaal-Kibitze weiß mangels Akteneinsicht, was damit gemeint ist.

Fall 5, das ist ein angeblicher Einbruch in die Luxuswohnung des Staatsanwalts Hörauf im September 1972. Wertvolle Orientteppiche sollten damals abhanden gekommen sein, ferner eine Farbfilmer-Ausrüstung, ein Farbfernseher, eine elektrische Schreibmaschine, eine extrem teure Skisportausrüstung und manches andere. 40 000 Mark wurden als Schadenssumme genannt; und eine Versicherungsgesellschaft überwies ohne Irgendwelche

Nachprüfungen sehr schnell 30 000 Mark. Höraufs knappe Äußerung vor Gericht besagt jetzt, daß der Einbruch nie stattgefunden hat. Also schuldig im Sinne der Anklage . . .

Eingestanden wird auch Fall 7. Da sollte eine Beifahrerin im Porsche Targa des Staatsanwalts eine Zigarettenkippe aus dem Fenster geworfen haben, die dann durch den Luftzug in den Fond des Wagens geweht wurde. Angeblich verbrannten außer der Polsterung ein Maxi-Ledermantel, eine französische Lederjacke und zwei Pierre-Cardin- Maßanzüge. Immerhin hatte Hörauf damals seine Bekannte veranlassen können, eine entsprechende Erklärung zu unterschreiben ? aber alles war gelogen.

Ebenfalls gelogen wurde im Fall 2. Ein Fußball, von einem Kind gekickt, sollte dem Hörauf -Porsche einen Blechschaden von fast tausend Mark zugefügt haben. Der Staatsanwalt kam auch zu dem angeforderten Geld mit Hilfe einer "Gefälligkeitsrechnung", wie er jetzt zugibt.

Dem Gericht mag er keine Angaben über seine Vermögensverhältnisse machen: "Vielleicht später. Ich bitte um Bedenkzeit." Und dann wird es nahezu grotesk. Der Angeklagte, der schon so viel eingestanden hat, streitet plötzlich erbittert über eine Stereo-Anlage im Werte von 1400 Mark. Erst hatte er sie als Totalverlust der Versicherung gemeldet, weil sie bei einem Unfall aus dem Porsche geschleudert worden sei. Bei der Vernehmung durch den Untersuchungsrichter war diese Stereo-Anlage dann "frei erfunden" gewesen. Doch in der Gerichtsverhandlung ist sie nun wieder existent. Zwar sei sie aus dem Porsche geflogen, aber nicht beschädigt worden, wie fälschlich der Versicherung gemeldet wurde.

Höraufs Verteidiger, Rolf Bossi, hört sich die Selbstbezichtigungen seines Mandanten meist ebenso schweigsam an wie dessen Verbissenheit bei Kleinigkeiten. Nur einmal ? während der Angabe zur Person ? wird er munter und macht darauf aufmerksam, daß Horst Hörauf doch eine relativ freudlose Jugend gehabt habe: vaterlos aufgewachsen auf einem schwäbischen Kleinst- Bauernhof, drangsaliert von einer immerhin sechs Jahre älteren Schwester, zutiefst enttäuscht von einem Großvater, der ihn um das väterliche Erbe betrog. All das müsse doch "Seelenwunden" geschlagen haben . . .

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