Die Rakete: Komödie mit einem Körnchen Wahrheit

"Ich brauche für die Dreharbeiten aber unbedingt eine Sidewinder-Rakete", sagte der Mann vom Fernsehen. "Das wird zwar etwas schwierig", ulkte der zuständige Offizier, "aber wenn es gar nicht geht dann fordern wir das Ding aus Moskau an. Die haben es ja." Der Mann vom Fernsehen ? das war Dr. Dieter Wedel, der dem ZDF "Die Rakete ? Eine nicht ganz frei erfundene Fernsehkomödie" nach einem authentischen Fall lieferte, über den die Bundesbürger seinerzeit als eine Art Raketen-Köpenickiade schmunzelten.

Ein Loch im Zaun vom Fliegerhorst' des Jagdgeschwaders 74 in Zell bei Neuburg an der Donau brachte am 24. Oktober 1967 die Spitzen der Bundeswehr und des MAD (Militärischer Abschirmdienst) aus dem Häuschen. Denn just durch dieses Loch, so fanden die alarmierten Abwehrleute heraus, hatte sich eine "Klapperschlange" davongemacht ? per Luftfracht nach Moskau: eine Starfighter-Rakete vom Typ "Sidewinder", 2,87 Meter lang, 13 Zentimeter stark und 75 Kilogramm schwer. Wert: rund 20 000 Mark. -

Nach intensiven Ermittlungen und der üblichen Geheimniskrämerei wurden die drei Täter entlarvt, der Öffentlichkeit präsentiert und zu Haftstrafen zwischen 39 und 48 Monaten verknackt. Sie saßen ein Großteil davon ab und gingen dann ihrer Wege: Der Schlossermeister und gebürtige Pole

Lowinski (Jahrgang 1921) verschwand spurlos, der Ex- Hauptfeldwebel und Starfighter-Pilot Knoppe (Jahrgang 1935) setzte sich nach Spanien ab. Nur Manfred Ramminger vom Jahrgang 1930 blieb und gründete in Krefeld ein jetzt gutgehendes Architektenbüro.

Ramminger war es auch, der Autor und Regisseur Dieter Wedel ("Einmal im Leben") die Raketenklau-Geschichte aufs Tonband sprach ? zweimal im Abstand von vier Wochen. "Die beiden Storys hatten immerhin noch den Kern gemeinsam", verdeutlicht Wedel 8ie Phantasiebegabung Rammingers, die sich auch bei den Dreharbeiten zu der Komödie

Sonnabend, 20.15, ZDF

bewies. Wedel hatte nämlich nicht nur Namen (sein "Held" heißt Sachtleb) und Schauplätze verändert, sondern dem "richtigen" Fall noch vieles hinzugefügt. Zum Beispiel zwei Damen. Ramminger, als Gast am Drehort, glaubte, die Damen sofort wiederzuerkennen: "Die Ähnlichkeit ist wirklich gut getroffen!" Phantastisch ...

Doch in die Pfanne hauen will Kriegsdienstverweigerer Wedel (Jahrgang 1940) keinen. Weder Bundeswehr noch MAD (die ihn bei seiner Arbeit nach besten Kräften unterstützten) oder einen anderen Beteiligten. Humorvoll-menschlich unterhalten will er. Mit dem Hinweis: "Nachdenken nicht verboten!" uwe lingnau

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