Adolf Scharnowsky beteuert:

"Nur der Mörder weiß, daß ich unschuldig bin"

Von Peter Krakow Lübeck, 6. Mai Der Endspurt hat begonnen. Es geht um das Schicksal von Adolf Scharnowsky (37). Gestern, am drittletzten Verhandlungstag, sagte einer der beiden Psychiater: "In meinen Augen ist er der Täter." Der andere: "Für mich ist er unschuldig." Adolf Scharnowsky, der vor 17 Jahren in Hutzfeld (Ostholstem) ? wie mehrfach berichtet ? die 16jährige Annedore Rau erstochen und geschändet haben soll, der 1959 von einem Lübecker Schwurgericht zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, der 14 Jahre, sieben Monate und 22 Tage in Haft gesessen hat, wollte keine Prognose zum Ausgang des Prozesses stellen.

Der Angeklagte verzog keine Miene, saß mit dunkelgrauem Anzug und quergestreifter Krawatte neben seinem Verteidiger Detlef Kaut und beteuert jetzt: "Nur der Mörder selbst weiß und könnte beweisen, daß ich unschuldig bin. Ich weiß nicht, warum ich auch vor dem Untersuchungsrichter Dr. Reimer eine detaillierte Tatschilderung gegeben habe. Einmal wollte ich mein Geständnis widerrufen. Da hat mir jedoch der Untersuchungsrichter gesagt, daß mir das nur schaden würde. So habe ich es gelassen."

Die beiden Beisitzer setzten Adolf Scharnowsky hart zu. Und auch die Vernehmung von Dr. Johannes Reimer war nicht dazu angetan, Pluspunkte für Adolf Scharnowsky herauszuarbeiten.

"Herr Reimer, haben Sie damals Einzelheiten, die auf Grund der verschiedenen Geständnisse widersprüchlich waren, überprüft?" fragte Rechtsanwalt Kaut, und der damalige Untersuchungsrichter mußte zugeben: "Nein, ich hatte keine Zweifel an der Wahrheit des Geständnisses."

Professor Dr. Joachim Gerchow, Gerichtsmediziner, bescheinigte in seinem gestrigen Gutachten, daß Adolf Scharnowsky unterdurchschnittlich begabt, primitiv strukturiert, persönlich sehr empfindsam, leicht erregbar, egozentrisch, hysterisch, weich, nachgiebig, unreif, nicht belastbar und situationsahhängig war. Gerchow wertete die Tat ? wenn Adolf Scharnowsky der Täter gewesen sein sollte ? für ihn als Affekthandlung, bei der die Reaktion des Opfers eine große Rolle gespielt habe. Dennoch bescheinigte er auch heute dem Angeklagten eine strafrechtlich volle Zurechnungsfähigkeit.

Dr. Dr. Manfred in der Beeck, Nervenarzt und klinischer Psychologe in Schleswig, dagegen erklärte: "Für mich sind die Geständnisse des Beschuldigten einfach falsch."

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