Jahn-Tochter Evelyn berichtete über ihre Entführung

"Ich habe halt gebetet, daß alles gutgeht"

München, 20. Februar "Eine Gaudi war es nicht. Der Ausgang der Geschichte blieb immer offen. Ich habe halt gebetet, daß alles gutgeht", sagte Evelyn Peitzner (23), die Tochter des Wienerwald-Konzernchefs Friedrich Jahn, als Zeugin vor Gericht. Sie räumte allerdings ein, daß sie von ihren Entführern korrekt und höflich behandelt worden sei. Evelyn Peitzner, geborene Jahn, war am 13. November 1973 in München entführt und am 15. November gegen ein Lösegeld von drei Millionen Mark in Oberschleißheim bei München freigelassen worden. Unter der Anklage, die Tat begangen zu haben, müssen sich seit Montag in München der Wärmetechniker Werner Knapp (27), der Schlosser Johann Mittermeier (25), der Spenglermeister Rudolf Maierhofer (33) und die geschiedene Frau des Schlossers vor dem Landgericht verantworten.

Alle Reihen im Gericht und auf dem Balkon waren dicht besetzt, als Evelyn Peitzner, sorgfältig geschminkt und von einer silberblonden Mähne umwallt, den Saal betrat. Einen grauen Tweedmantel trug sie so über dem Arm, daß man ihre Schwangerschaft kaum erkennen konnte. Zum grauen Trägerrock trug sie einen gelben Pullover und schwarze Stiefel.

Sachlich schilderte die Zeugin den Hergang der Tat vom Überfall in der Garage ihrer Münchner Wohnung bis zu ihrer Freilassung. Knapp und Mittermeier hatten die junge Frau überrumpelt und sie mit einer Pistole bedroht. Im Porsche Evelyn Jahns, die damals erst verlobt war, fuhren die drei davon.

Unterwegs wurde getankt. Auf die Frage des Richters, warum sie nicht schon an der Tankstelle geschrien habe, antwortete die Zeugin: "Ich weiß nicht, ob Sie in meiner Lage so weit gedacht hatten. Auf dem Rücksitz hinten und nur zwei Türen ? da hat man sowieso keine Chance."

Später, in einem Waldstück, wo die beiden Entführer stoppten, um den Wagen zu wechseln, verhielt sich die Entführte so: "Ich habe ununterbrochen mit Mittermeier geredet, weil ich Angst hatte."

In einem Lastenaufzug brachten die Täter ihr Opfer in ein Appartement eines Augsburger Hotels. Dort wurde der Frau gezeigt, daß die Pistole tatsächlich geladen war. Auf Anweisung der beiden Männer mußte die Entführte dann ein Tonband mit einer Nachricht an ihren damaligen Verlobten Peitzner und ihren Vater besprechen, der Chef von rund 400 "Wienerwald"-Restaurants, Kellereien sowie anderen Betrieben ist und rund 6000 Personen beschäftigt. Anschlie- ßend mußte die junge Frau eine Schlaftablette nehmen und sich zur Ruhe legen.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, brachte ihr Knapp Frühstück ans Bett. An diesem Vormittag des 14. November 1973 wollte sie die Hochzeit der britischen Prinzessin Anne im Fernsehen verfolgen. Da das Gerät im Appartement aber nicht funktionierte, holte Knapp ein zweites, das ebenfalls versagte. Erst mit dem dritten Gerät konnte sich Evelyn Jahn die Hochzeit und später auch noch das Fußball-Länderspiel Schottland gegen Deutschland ansehen.

Den Aussagen der Zeugin war ein aufregender Vormittag vorausgegangen, der den Prozeß beinahe zum Platzen brachte. Johann Mittermeier packte aus. Er beschuldigte Peter Knapp,' Anstifter der Entführung gewesen zu sein und unterschob ihm sogar Mordabsichten. Knapp soll gesagt haben: "Wir brauchen keine Wohnung anzumieten. Sie wird gefesselt und in den Wald geworfen. . ." Als Mittermeier erwiderte: "Das hält doch kein Mensch länger als 12 Stunden aus", soll Knapp geantwortet haben: "Hast du dir vielleicht eingebildet, daß ich das Madl leben lasse?"

Das Gericht zog sich anschlie- ßend zur Beratung zurück, ob der Fall wegen dieser Beschuldigung nunmehr vom Landgericht zum Schwurgericht übergeben werden müsse. Wenig später wurde aber die Verhandlung fortgesetzt.

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