Britischer Offizier behauptet:Das Drama am Nord-Ostsee-Kanal

Fallschirmspringer waren falsch ausgerüstet

Von Claus Geissmar sad. London, 21. September Sieben britische Fallschirmjäger sind beim NATO-Manöver "Bold Guard 74" nur deshalb ums Leben gekommen, weil sie für ihren Absprung falsch ausgerüstet waren. Sie mußten nachts über dem Nord- Ostsee-Kanal mit einer Ausrüstung aussteigen, die eine Absprunghöhe von mindestens 300 Metern verlangt. Neue taktische NATO-Überlegungen zwangen die Soldaten jedoch, bei einer niedrigeren Flughöhe abzuspringen. Diese Beschuldigungen, die indirekt gegen das Londoner Verteidigungsministerium gerichtet sind, stammen von einem britischen Offizier, der selbst an der NATO-Nachtübung in Schleswig- Holstein beteiligt war.

Der Offizier, der sein Gewissen nicht mit einer Dienstwegbeschwerde beruhigen konnte, hatte sich an Chapman Pincher gewandt. Pincher, Kolumnist des Massenblattes "Daily Express", gilt unter Englands Journalisten als Militärexperte Nr. 1.

Das Londoner Verteidigungsministerium bestätigte dann dem Hamburger Abendblatt, daß Englands Fallschirmjäger seit Jahren eine Standardausrüstung besitzen, die für einen Absprung aus einer Höhe von mindestens 1000 Fuß (304 Meter) vorgesehen ist. Die hochentwickelte Raketen- und Radartechnik hat die NATO jedoch gezwungen, die luftstrategischen Überlegungen zu andern und aus niedrigeren Höhen abzuspringen. Seit dem arabisch-israelischen Krieg im Oktober 1973 wissen die Militärs, welche vernichtende Wirkung Raketen haben können. Die israelische Luftwaffe verlor damals unerwartet viel Maschinen, weil die Düsenjäger den ferngesteuerten Raketen nicht mehr ausweichen konnten.

Diese Erfahrungen haben die NATO zu einer Änderung der Einsatzpläne gezwungen. Flugzeuge, die nicht von feindlichen Radarschirmen erfaßt werden wollen, müssen noch niedriger fliegen, als das bisher bei NATO-Ubungen schon üblich war. Das scheint den britischen Fallschirmjägern zum Verhängnis geworden zu sein. Fallschirmjäger stürzen, wenn sie aus ihrer Transportmaschine abgesprungen sind, zunächst mindestens 75 Meter im freien Fall. Erst danach hat sich der Schirm voll entfaltet.

Bei dem nächtlichen Sprung über dem Nord-Ostsee-Kanal herrschte trotz Dunkelheit klare Sicht. Die herabschwebenden Soldaten konnten die Wasseroberfläche zwar erkennen, aber die verbleibenden Sekunden nach dem freien Fall reichten offensichtlich nicht mehr aus, um den Fallschirm an das sichere Ufer zu steuern. Die für die größere Absprunghöhe vorgesehene schwere Ausrüstung gab den Soldaten im Wasser dann keine Chance, sich zu retten. Viele andere Soldaten waren in Bäumen gelandet.

Das Londoner Verteidigungsministeriuim lehnte es dagegen ab, die Einzelheiten der Unfallursache zu erörtern. Das Ministerium will nicht der NATO-Kommission vorgreifen, die die Unfälle noch untersucht. Bundeswehr-Generalleutnant Heinrich Schwiethal, Leiter des Manövers "Bold Guard 74", hatte in der letzten Woche gesagt: "Die tragischen Unglücksfälle waren nach menschlichem Ermessen nicht voraussehbar." Diese These wird jetzt von britischen Offizieren nicht mehr geteilt. Sie fordern, daß die notwendig gewordenen strategischen Überlegungen erst dann in die Praxis umgesetzt werden, wenn NATO-Fallschirmjäger auch eine neue, leichtere Ausrüstung erhalten haben.

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