DER KOMMENTAR

Hamburgs Zukunft vom Computer

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Von EGBERT A. HOFFMANN

"p 1 ine Stadtautobahn unter der Allster, in Amtsstuben schon vor vielen Jahren als lebenswichtig für Hamburg eingestuft, wird es niemals geben. Ein Computer der Technischen Hochschule Aachen errechnete nämlich, daß diese sogenannte Kerntangente ? nicht benannt nach dem gleichnamigen Wirtschaftssenator ? zwar wünschenswert, aber aus städtebaulichen Gründen nicht realisierbar sei. Eine solche Autoverbindung zwischen Eimsbüttel und Hohenfelde, so kommentiert heute die Baubehörde die Computer-Rechnung, sei "zu gut". Sie würde gewaltige Verkehrsströme anlocken, die von den Anschlußstellen beiderseits der Alster nicht zu bewältigen wären. Zwangsläufig würde die Kerntangente den fließenden Verkehr also nur behindern.

T"|iese bemerkenswerte Erkenntnis ??-'wurde in Hamburgs neuen Generalverkehrsplan, amtliches Kürzel GVP, eingespeist. Sie bestätigt einmal mehr eine Binsenweisheit, die allzuoft mißachtet wird: eine Straße ist nur so leistungsfähig wie ihre engste Stelle. Das sind meistens die Berührungspunkte mit anderen Verkehrsströmen. Aus diesem Grund wurde bislang auch nicht die Binnenalster als Supergarage unterkellert. An den Zufahrtsrampen würde es morgens und nachmittags unweigerlich zu Stauungen und Stockungen kommen.

T")er neue Generalverkehrsplan soll

mit zukunftsweisenden Berechnungen vor Fehlplanungen schützen. Er soll den politischen Gremien Entscheidungshilfen, nicht jedoch vorfabrizierte Entscheidungen liefern. Er soll überdies die Konsequenzen baulicher Maßnahmen prognostizieren und unerwünschte Nebenwirkungen aufzeigen ? wie im Fall der Kerntangente. Er soll auch helfen, Steuergelder so sinnvoll wie möglich für die jeweils beste Losung auszugeben.

T")as alles mag für den Bürger

ziemlich theoretisch klingen. Computer-Berechnungen, die u. a. auf Motivuntersuchungen basieren, sind für ihn abstrakte Werte. Dennoch geht es um ganz konkrete Dinge: um die größtmögliche Wohnlichkeit der Stadt von morgen. Neue Verkehrsadern sollen nicht Selbstzweck, nicht betonierte Pisten optimaler Bedarfsdeckung sein. Sie sollen den Verkehr so flüssig wie möglich halten und die Belästigungen der Einwohner durch den Störfaktor Auto auf ein erträgliches Minimum reduzieren.

C o ist schon heute nicht mehr die "^ Rede davon, beispielsweise den Isebek-Kanal zuzuschütten und in eine Stadtautobahn zu verwandeln. Im Hintergrund stehen als abschrekkende Beispiele die von zehnspurigen Highways zerschnittenen Stadtlandschaften amerikanischer Metropolen.

Freilich, ganz ohne das Auto ? wie manche es möchten ? geht es nicht. Der Wirtschaftsverkehr in der Innenstadt, so läßt die Baubehörde wissen, dürfe unter keinen Umständen eingeschränkt werden. Eine begrüßenswerte Feststellung, mit der endlich auf die immer wieder gehörte Forderung reagiert wird, man solle die City zugunsten öffentlicher Verkehrsmittel "freimachen" vom privaten Verkehr, denn ohne den Wirtschaftsverkehr, der ? wie der Generalverkehrsplan nachweist ? nur zu 3°/t über öffentliche Verkehrsmittel läuft, ist ' Hamburg als kommerzielles Zentrum überhaupt nicht lebensfähig.

Der neue Verkehrsplan mit seiner buchstäblich zentnerschweren Fülle von Erkenntnisunterlagen wird in den nächsten zwei Jahrzehnten die bauliche Entwicklung in allen Bereichen entscheidend beeinflussen. Er wird hoffentlich auch dazu beitragen, folgenschwere Fehlinvestitionen zu vermeiden. Dies wäre ein unbestreitbarer Gewinn auch für den Steuerzahler.

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