So war Jupp Wolff

Die vielen Kollegen aus allen Teilen der Bundesrepublik, die gestern bei uns anriefen, legten schon in ihre erste Frage die Unfaßbarkeit des Ereignisses: "Stimmt es denn wirklich, daß Jupp Wolff tot ist, ich habe ihn doch noch beim WM- Endspiel in München in strahlender Laune gesehen . . ."

Vital und engagiert wie eh und je, hatte der 66jähxige Vollblutjournalist auch seine siebte Fußball-Weltmeisterschaft hinter sich gebracht. Sein größter Wunsch war in Erfüllung gegangen: zum zweitenmal sah er eine deutsche Nationalmannschaft als Finalsieger.

Der anschließende Urlaub schien ihm glänzend bekommen zu sein. Braungebrannt und unternehmungslustig kehrte er vor wenigen Tagen in das schöne Reihenhaus in Norderstedt heim. Als er am Dienstag in fröhlichen Gesprächen mit Nachbarn erzählte, wie gut er sich fühle, ahnte niemand, daß ihn einige Stunden später in seinem Garten der Herztod ereilen sollte.

Zwar hatten Ehefrau Elisabeth und die Söhne Claus-Dieter (29), Jürgen (27) und Andreas (10) vor zweieinhalb Jahren schon einmal um den energischen Familienvorstand bangen müssen, als ihn ein Herzinfarkt für Monate aus dem leidenschaftlich geliebten Alltagsrennen warf, doch bald hatte Jupp Wolff die Folgen der Krankheit überwunden. Er kehrte ? wie hätte es anders sein können ? mit "Volldampf" ins Berufsleben zurück.

Er hatte viele Freunde. Wir, seine Kollegen und langjährigen Begleiter, trauern um einen Mann von ganz besonderem Zuschnitt. Unbequem war er gelegentlich, zugegeben, leicht aufbrausend, wenn er ? der Gerechtigkeitsverfechter ? sich ungerecht behandelt fühlte. Er hatte das Temperament des gebürtigen Mönchengladbachers, einen starken Willen, ein wohlbegründetes Selbstbewußtsein.

Der Journalist Wolff genoß hohes Ansehen. Wenn die Nationalmannschaft vor der Weltmeisterschaft mit der Schallplatte "Fußball ist unser Leben" warb, dann darf man diesen Titel für den besessenen Fachjournalisten Jupp Wolff wörtlich nehmen. Sein oft bewundertes Wissen, in einem beneidenswert guten Gedächtnis gespeichert, ließ ihn unzählige wichtige Daten ohne Zögern niederschreiben, wo andere stundenlang Archive bemühen mußten.

Er sah weit über 300 Länderspiele in 65 Ländern aller Erdteile; er hatte mit Stars und Trainern vieler Nationalitäten persönlichen Kontakt. Und er hatte, wie kaum ein anderer, ein Herz für den HSV. Es spricht für sich, daß er zu den wenigen Zeitungsleuten gehörte, die sowohl Altbundestrainer Sepp Herberger als auch dessen Nachfolger Helmut Schön duzen durften.

Daß er sich nicht nur im Fußball auskannte, beweist seine 45jährige journalistische Vergangenheit, in der er über nahezu alle Sportarten berichtete. Sechsmal reiste er zu Olympischen Spielen.

Jupp Wolff war ein Mann, der mit beiden Beinen auf der Erde stand. Er liebte das Leben, und er genoß es auch in mageren Zeiten. "Eine Schreibmaschine findet sich immer, mehr brauche ich nicht", sagte er, als er den Krieg ohne Schaden überstanden hatte. "Wer Hobby und Beruf auf so ideale Weise miteinander verbinden kann, muß dankbar sein."

Vielleicht sollte am Schluß dieser Würdigung etwas von Jupps rheinischer Fröhlichkeit stehen, die ihn in keiner Lebenslage verließ. Resignation und Mutlosigkeit ließ er nie Platz greifen. Wir haben ihn oft gemahnt, sich mehr Ruhe zu gönnen. Ebensogut hätte man einem Grand- Prix-Rennfahrer empfehlen können, auf dem Nürburgring Schritt zu fahren.

Vor gut einem Jahr, als wir den 65. Geburtstag feierten und über sein Leben mit dem Fußball sprachen, nannte er es "Genuß ohne Reue". Es war ein hektisches, ein erlebnisreiches, ein buntes, durch Beruf und Familie erfülltes Leben. Wie sehr hätten wir ihm gewünscht, daß es länger gewährt hätte. rü.

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