Cramer nicht zu Hertha

Die Wünsche wurden nicht erfüllt

Von HEINZ BEYER

Berlin, 10. Juli

Am 5. Januar 1974 unterschrieb Dettmar Cramer einen Arbeitsvertrag beim Berliner Fußball-Bundesligisten Hertha BSC, gestern trat er sein Amt an ? und war sieben Stunden später schon wieder "Trainer im Ruhestand". Der 49jährige Cramer, einst Schüler des Alt-Bundestrainers Sepp Herberger, der ihm auch die Lizenz Nr. 42 als Fußball-Lehrer überreichte, war von den Herthanern als Nachfolger des vorzeitig ausgeschiedenen Helmut Kronsbein verpflichtet worden. Allerdings hatte Cramer dem Hertha-Vorsitzenden Heinz Warneke gegenüber einige Vorbehalte gemacht. Der sieben Jahre lang im Auftrage der FIFA in Fußball-Entwicklungsländern tätig gewesene Cramer machte eine gedeihliche Arbeit bei den Berlinern von einigen personellen Wünschen abhängig. Die Verpflichtung von fünf "Nachwuchsspielern mit Talent", wie Cramer sagte, sowie des 1,92 m gro- ßen Uwe Kliemann (zuletzt Eintracht Frankfurt) und des schwedischen Nationalspielers Benno Magnusson (im Tausch mit Riedl vom 1. FC Kaiserslauterngeholt) waren off enbar keine Garantie, das gesteckte Ziel zu erreichen. Ein weiterer guter Stürmer stand auf Cramers Wunschliste. Nach dem Willen des Vorsitzenden Warneke sollte das der beim FC Basel tätige deutsche Amateur-Nationalspieler Ottmar Hitzfeld sein. Warneke war deshalb auch in die Schweiz gereist. Aus dem geplanten Transfer wurde jedoch nichts, weil im Hertha-Vorstand auch Männer sitzen, die Realisten sind und rechnen können. Ihnen war das finanzielle Risiko zu groß. So hieß es dann nach der gestrigen Vorstandssitzung: "Aus finanziellen Gründen geht das nicht. Die Belastung für den Verein wäre zu groß gewesen."

Cramer, der am Vormittag schon seine Zukunftspläne mit den Herthanern erläutert und Spieler und Frauen für morgen zur Kaffeetafel geladen und eine Japan-Reise (30. Juli bis 8. August) mit drei Spielen gegen die japanische Nationalmannschaft (Garantie 15 000 Dollar netto) arrangiert hatte, bat daraufhin um Entbindung von seinem Vertrag. Von ihm selbst war danach nicht viel zu erfahren.

Dagegen teilte der Hertha-Vorstand mit, daß Dettmar Cramer bindend erklärt haben soll, "innerhalb der nächsten drei Jahre keine Trainer-Tätigkeit in der Bundesliga aufzunehmen". Cramer soll weiter zugesagt haben, "dem Verein als sportlicher und technischer Berater zur Verfügung zu stehen, bis zum Antritt eines neuen Trainers". Mutmaßungen, daß der DFB mit Cramer Kontakt wegen der Nachfolge von Bundestrainer Helmut Schön, der von Rücktritt gesprochen hatte, aufgenommen haben soll, wurden nicht bestätigt. Noch birgt die Cramer-Geschichte viele Ungereimtheiten in sich. Fest steht: Die Herthaner haben zur Zeit 13 bundesligareife Spieler unter Vertrag, Und angesichts einer so dünnen Decke würden wohl auch andere, erfahrenere Bundesligatrainer "kneifen".

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