"Studiker" mußten ihren Bunker räumen

Jetzt üben sie im Heidehaus Erika

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HORST LIETZBERG

Ein Umzug ist meist eine schlimme Sache. Einpacken, auspacken ? und dazwischen ein paar Tage Zigeunerleben inmitten von Kisten, Koffern und Provisorien. Wohl jeder kann davon ein Lied singen. Besonders schlimm aber traf es vor kurzem die renommierten Hamburger "Studiker". Pie Band mußte innerhalb von zwei Wochen ihr Studio im Bunker auf dem Heiligengeistfeld räumen.

"Wir wußten nicht wohin", sagte Band-J^eader Nico v. Uslar. "Schließlich kann man nicht überall ein Aufnahme- und Probenstudio einrichten. Wir waren fast drei Jahre in diesem Bunker, hatten akustisch alles bis ins letzte Detail ausgebaut. Mikroanlage, Aufnahmegeräte im Regieraum, Hallmaschinen, Verstärker, Orgeln und Lautsprecher waren fest Installiert. Und dann gab plötzlich der Haupt mieter die Etage auf ? und wir als Untermieter mußten praktisch sofort räumen."

Das große Suchen nach einer geeigneten Bleibe begann. Die "Studiker", die längst keine Studiker mehr, sondern echte Musik-Proiis sind, schwärmten aus. In Hamburg leider ohne Erfolg. Also versuchten sie es auf dem Lande. In Vierhöfen, unweit Winsen an der Luhe, fanden sie im "Heidehaus Erika" ein Ausweichquartier. Zwar fehlten dem großen Tanzsaal in dieser Gaststätte die akustischen Voraussetzungen. "Aber wenigstens heizen ließ er sich", erzählt der Orchesterchef.

Provisorisch wurde alles aufgebaut. Nico v. Uslar: "Endlich konnten wir wieder an unseren Arrangements herumfeilen und neue Stücke proben. Alle Leute in Vierhöfen waren reizend zu uns und wollten uns weiterhelfen. Sie kannten uns vom Fernsehen und unseren Konzerten her und mochten uns gar nicht wieder weglassen. So ergab es sich, daß wir auf einem idyllisch gelegenen Heideund Waldgrundstück ein Fertighaus hinstellen durften ? und ein neues Domizil haben."

Pech und Glück haben sich bei den "Studikern" in letzter Zeit oft die Hand gegeben. "Als wir unlängst in Davos in der Schweiz spielten, fiel so viel Schnee, daß die Straßen vor allem wegen Lawinengefahr gesperrt werden mußten. Dem Bürgermeister dieses weit-, bekannten Kurorts hatte unsere Musik aber so gut gefallen, daß er am frühen Morgen 80 Mann ausrücken ließ, die die Lawinen abschössen und die Straße räumten ? - nur damit wir pünktlich zum ? Filmball nach München kamen."

Weniger Glück hatte die Hamburger Band bei einem Konzert in der Berliner Philharmonie. Als nämlich der Fünftonner mit allem Zubehör (Orgel, Verstärker, Mikroanlage und vieles mehr) an die Grenze bei Lauenburg kam, wurde er von unseren Zollbeamten nicht durchgelassen. "Weil er nicht zu verplomben ist", lautete die Begründung. Selbst der Hinweis, daß dieses Auto wenige Wochen zuvor mit der gleichen Ladung ? ebenfalls unverplombt ? hatte passieren dürfen, half nichts. Der Lastwagen mußte nach Hamburg zurück, die Geräte mußten auf einen zu verplombenden Mietwagen umgeladen werden ? und kam in Berlin an, als das Konzert mit Olivia Molina bereits lief. Die Musiker hatten sich mit geliehenen Instrumenten und anderen Geräten geholfen, und Olivia sang teilweise ohne Mikrophon . . .

Nico v. Uslar: "Wir bleiben trotzdem optimistische Musikfanatiker. Zwar ist der Unterhalt einer aus elf Musikern und zwei Roadmanagern bestehenden Band eine risikoreiche Sache. Aber Risiko macht andererseits auch Spaß. Und den ' .Klimawechsel' vom Hamburger Bunker in die Lünetourger Heide empfanden wir alle positiv ? auch wenn wir damals, als wir ohne Bleibe waren, ganz schön geschwitzt haben."

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