Stadt ohne Autobahn?

| Lesedauer: 3 Minuten

Von GEORG WEDEN

l"\ie "Große Hamburger Koalition"

ist perfekt: Nach der CDU hat nun auch die SPD den Bau von Stadtautobahnen abgelehnt. Die endgültige Entscheidung der Hamburger 1 Bürgerschaft ist damit vorgezeichnet. TJer Beschluß der SPD hat alle

Zweifler eines Besseren belehrt: Der Gedanke des Umweltschutzes nimmt im Denken der Politiker einen so breiten Raum ein, daß auch Entscheidungen von großer Tragweite davon maßgeblich beeinflußt werden. Das klare Wort gegen den Bau von Stadtautobahnen entspricht nicht etwa finanziellen Überlegungen, sondern der Absicht, "gewachsene Wohnviertel nicht zu zerstören" "Deide Parteien folgen damit einem

Konzept, nach dem der Autoverkehr allmählich aus der City verbannt und zu einem "Zulieferer" der öffentlichen Nahverkehrsmittel gemacht werden soll. Stadtautobahnen, wie die in Hamburg geplanten, brauche man dann gar nicht mehr. T"Ve Sache hat einen Haken: Voraussetzung für dieses Konzept, so sagen die Verkehrsfachleute, ist ein solides Straßennetz, gekoppelt mit attraktiven Nahverkehrsmitteln. Erst dann könnten sich die Autofahrer bereit finden, mit dem Auto nicht mehr zum Arbeitsplatz zu fahren. Beides ist in Hamburg zur Zeit nicht gegeben.

{"legen die Autobahnen traten jene

Einwohner Hamburgs auf den Plan, die zu den Betroffenen des Konzeptes gehören. Ihnen liegt ein intaktes Wohnviertel wie Eppendorf so sehr am Herzen, daß eine Stadtautobahn sich darin wie ein lebensbedrohendes Monstrum ausnehmen muß. Denn zu oft schon sind Städteplaner ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Anwohner vorgegangen.

Oo sehr die Argumente der Betroffenen auch beeindrucken, so sehr muß bezweifelt werden, ob die Idee ? zurück zu einer heilen Wohnwelt im Stile des 19. Jahrhunderts ? heute noch realistisch ist. Denn so viel steht trotz vieler gegenteiliger Beteuerungen von Politikern fest: Die Motorisierung ist nicht zu stoppen. Sie findet erst am sogenannten Sättigungspunkt ihre Grenze. Wenn 1985 in Hamburg rund 900 000 statt heute 500 000 Fahrzeuge zugelassen sein werden, müssen bis dahin großzügige Verkehrswege geschaffen sein, um das permanente Verkehrschaos abzuwehren. Es wäre gewiß nicht wirklichkeitsnah und gegenüber den Wählern unfair, wenn man ihnen heute, wenige Monate vor der Bürgerschaftswahl, erzählen wollte, daß der Autoverkehr anders als mit großzügigen Verkehrswegen zu bewältigen sei.

Uin Spottwort sagt zwar, daß der

ruhende Straßenverkehr die Lösung aller Ärgernisse darstelle; keine gif tigen Abgase, keine Toten und Verletzten, keine Straßenbauprobleme ? doch von solchen Gedanken kann sich eine Regierung in Hamburg nicht leiten lassen.

"Jahrelang haben die Politiker das Auto verhätschelt. Heute sieht esso aus, als wollten sie allzu schnell vor den Umweltproblemen der Motorisierung kapitulieren. Die Absage an die verkehrstechnisch unzweifelhaft notwendige Stadtautobahn wirkt deshalb wie ein ungedeckter Wechsel auf die Zukunft.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: 1973