Eine gewaltige Explosion zerstörte den Schlachthof in Baden-Oos

"Die Druckwelle wirbelte mich über den Hof"

Eigener Bericht P. Baden-Baden, 19. September "Ein Krach ? und über dem Schlachthaus stand ein Atompilz." So schilderte ein Augenzeuge das Explosionsunglück, bei dem gestern vor den Toren Baden-Badens im Stadtteil Oos mindestens elf Menschen, in der Mehrzahl Schlachter, getötet und ebenso viele zum Teil lebensgefährlich verletzt wurden. Ein Mann wurde am Abend noch vermißt. Der entstandene Sachschaden wird auf mehr als drei Millionen DM geschätzt.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Dr. Filbinger sicherte den Hinterbliebenen der Opfer rasche und unbürokratische Hilfe zu. Landtagspräsident Camille Würz und Umweltminister Dr. Brünner waren wenige Stunden nach der Detonation am Ort' des Grauens, um sich über das Ausmaß der Katastrophe ein Bild zu machen.

Gegen 7.01 Uhr war der Kühltrakt des Schlachthauses buchstäblich in die Luft geflogen. Zu diesem Zeitpunkt sollen sich etwa 20 Menschen im Innern des Gebäudes befunden, haben. Sie wurden von umstürzenden Mauern verschüttet.

Der Elektriker des Schlachthofes schilderte unserem Mitarbeiter: "Ich war gerade in der Nähe der Kühlanlage, als ich Ammoniak roch. Dann eilte ich zum zentralen Verwaltungsbüro, um Alarm zu schlagen. Auf dem Weg dorthin gab es plötzlich einen ohrenbetäubenden Knall, und die Mauern rundherum stürzten ein. Die Druckwelle wirbelte mich über den Hof."

Um 7.09 Uhr wurde für die Feuerwehren Baden-Badens und der Umgebung Großalarm ausgelöst. Als die Mannschaften eintrafen, glich das Gelände einem

Trümmerfeld. Gegen 7.30 Uhr konnten die ersten Verletzten geborgen werden. Dann wurden fast nur noch Tote aus den Trümmern geholt.

Baden-Badener Ärzte und das Rote Kreuz waren pausenlos im Einsatz. Einem Geborgenen konnte nicht mehr geholfen werden, er starb im Krankenwagen./ Die anderen neun Überlebenden' kamen in mittelbadische Krankenhäuser. Dem Vernehmen nach schweben zwei von ihnen noch in Lebensgefahr.

Ein Arzt erlitt auf Grund der grauenhaften Bilder einen Schock, ein anderer brach sich auf dem kraterähnlichen Werksgelände ein Bein. Eine wesentliche Hilfe bei der Bergung waren ? die französischen und deutschen Soldaten, die mit Spezialgeräten ununterbrochen seit den frühen Morgenstunden im Einsatz sind.

Die Explosion löste in Baden- Baden eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Bauunternehmungen und Autohändler stellten Fahrzeuge zur Verfügung. DRK, Feuerwehr und Technisches Hilfswerk setzten alle verfügbaren Kräfte ein. Freiwillige, auf dem Weg zur Arbeit, blieben am Unglücksort und halfen mit.

Schreckensszenen spielten sich

am Nachmittag im nahegelegenen Flachtrakt des Schlachthauses, der Kantine, ab, wo Leichen aufgebahrt waren. Verwandte und Bekannte der Opfer waren zur Identifizierung gerufen worden. Die Körper waren zum Teil verstümmelt.

Eine schwangere junge Frau mußte ihren Mann identifizieren, den sie erst vor wenigen Wochen geheiratet hatte. Für andere wiederum ein Hoffnungsschimmer: "Er war nicht unter den Opfern."

Die Nachricht von der seit Menschengedenken größten Katastrophe im mittelbadische" Raum verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Kurstadt. Hunderte von Schaulustigen behinderten die Rettungsarbeiten und mußten von der Polizei abgedrängt werden.

Über die Ursache der Katastrophe gibt es bisher noch keine Klarheit. Zunächst hatte man angenommen, daß aus einem undichten Behälter flüssiges Ammoniak ausfloß und explodierte, als es mit der Luft in Berührung kam. Ammoniak wird zur Kühlung benötigt. Heute morgen neigten jedoch einige Fachleute zu der Ansicht, daß eine schadhafte Erdgasleitung die Explosion verursacht haben könnte.