Quiddjes schütten ihr Herz aus

Für Freddy war Hamburg wie maßgeschneidert

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Wie wird man eigentlich Hamburger? Diese Frage stellten wir unseren Lesern und diskutierten mit ihnen. Das Echo übertraf alle Erwartungen, denn viele Neubürger hatten Probleme oder haben sie noch. Nicht jeder konnte sich glatt einleben. Kaum anders erging es Hamburgern, die heute prominent sind. Auch sie hat das Hamburger Abendblatt zu diesem Thema interviewt. Einige taten sich schwer, in der Hansestadt seßhaft zu werden ? anderen gelang es auf Anhieb. Besonders eng verbunden mit Hamburg fühlt sich Freddy Quinn, der gebürtige Wiener.

"Mir ist diese Stadt einfach alles", schwärmt er. "Das hat viele Gründe. Man kann sie zusammenfassen und sagen: In Hamburg und durch ein paar treue Hamburger Freunde, die mir selbstlos halfen, wurde ich, was ich heute bin. Das fing in der nicht mehr existierenden ? .Washington- Bar' auf St. Pauli an. Meine Managerin Lilli Blessmann holte mich da heraus. Bei Jürgen Roland sang ich zum ersten Mal in der Rundfunksendung ,Was ist los in Hamburg?' und stand auch zum ersten Mal im Heiligengeistfeld-Bunker vor der Fernsehkamera. Hans Bekker schleppte mich zum Vorsingen zu meiner Hamburger Plattenfirma Polydor. Und Werner Baecker (früher 'Aktuelle Schaubude', jetzt ,New York, New York') ebnete mir viele Wege ins Showgeschäft. Das ist alles fast 20 Jahre her."

Inzwischen avancierte Schlagerstar Freddy zum Volkslieder-Sänger und Schauspieler. In diesen Tagen probt er für "Mensch, Kuddel, wach' auf" im St. Pauli-Theater, wo am 20. September die Premiere steigt. Mit der ihm eigenen Energie stürzt er sich in die Rolle.

Aber gern erzählt er auch von "damals": "Ich fühlte mich von Anfang an ? also seit zwei Jahrzehnten ? wohl in Hamburg. Das ist es, was mich beflügelte, meinen Erfolg begründete. Auch London und Kopenhagen' hätten mir zugesagt. Ich glaube aber nicht, daß ich meine Karriere in Wien, München oder Rom geschafft hätte."

Und warum er sich gerade in Hamburg so wohl fühlt? Freddy: "Ich bin sehr reserviert. Ich fall' nicht gleich jedem um den Hals. Meine Mentalität ist abwartend und von Natur aus ein bißchen mißtrauisch. Im übrigen neige ich mehr zum Understatement, nicht zum Angeben. Dieser Mangel an Überschwenglichkeit entspricht genau der Hamburger Mentalität." Der gebürtige Wiener Freddy, der durch Zirkus und Seefahrt in die Hansestadt verschlagen wurde und hier "an Land" ging, fühlt sich längst als echter Hamburger: "Wenn mich jemand fragt, woher ich komme, wird meine Antwort immer sein: Aus Hamburg. Das halte ich seit 1957 so, als ich das erste Mal in den USA war."

Hamburg hat natürlich auch Freddys Image geprägt. Vom Schlager, vom Theater, vom Film her. Vieles, das er singt oder spielt, steht zu dieser Stadt, der Waterkant oder dem Meer in Beziehung. Freddy: "Ich könnte mir kein besseres Image als das eines Seemanns und eines Zirkusartisten, den ich ja auch oft spiele, vorstellen. Diese Milieus liegen mir. Dagegen würde ich nie einen Bergsteiger mimen. Zwar finde ich Berge durchaus schön und mag auch München. Aber ich habe keine innere Beziehung dazu."

Außer dem Meer ("Trotzdem habe ich aus Zeitmangel meinen Kutter, die 'Libertas', verkauft") liebt Freddy die Zirkusluft. "Es macht mir Spaß, öfter auszubrechen, einen Hand-' stand hoch oben auf dem Geländer des Berliner Europa-Center zu machen, mit dem Fallschirm abzuspringen, in Mexiko Rodeos zu reiten, auf dem Drahtseil Kunststücke zu zeigen oder den Dompteur im Tigerkäfig zu vertreten. Aber am liebsten stehe ich doch auf der Bühne."

-Mein größter Erfolg? Den hatte ich mit dem Mu-

Bitte schreiben Sie uns, wie Sie Hamburger geworden sind und welche Probleme Sie dabei hatten oder haben. Die Adresse: Hamburger Abendblatt, Kennwort "Quiddje", 2 Hamburg 36, Postfach 566. sical .Heimweh nach St. Pauli'. Wir spielten es im Theater an der Wien, wo einst .Fidelio' und .Zauberflöte' uraufgeführt wurden. Und wir dachten: Wir werden das Theater schon entweihen. Doch als mir der österreichische Bundeskanzler Kreisky spontan die Hand schüttelte und die Zeitungen schrieben, daß ich, obwohl in Wien geboren, als Sendbote Hamburgs angesehen wurde, war ich ganz schön stolz. Längst habe ich beschlossen: Wenn ich mich mal zurückziehe vom Leben des reisenden Künstlers ? dann lasse ich mich für immer in Hamburg nieder." Ein Tip von Freddy, wie man mit Hamburgern reden muß, um Kontakte zu bekommen: "Offen und ehrlich. Keine Show und keinen Schm.h!" HORST LIETZBERG

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