Von Brandstiftern zerstört /Jetzt wird es wieder aufgebaut

,Klenderhof' in Kampen - Ein Haus der Begegnung und seine

Kampen (Sylt), 23. August Brandstifter, die vermutlich aus politischen Motiven das Gästehaus des Axel- Springer-Verlages in Kampen auf Sylt bis auf einen Flügel in Schutt und Asche legten, haben den "Klenderhof" in die Schlagzeilen gebracht. Doch nicht von diesem Anschlag sei hier die Rede, sondern von der Geschichte dieses ungewöhnlichen Hauses t das jetzt wieder aufgebaut wird. Schon vor 40 Jahren lieferte der Bau den Insulanern Gesprächsstoff.

Eine halbe Million für ein

EIN BERICHT VON GÜNTER NIEMEYER

Wohnhaus! So etwas hatte es nie zuvor auf der Insel gegeben. Damals kostete der halbe Liter Bier noch 30 Pfennig. Für einen Groschen erhielt man vier Zigaretten. Gute Zeiten? ? Schlechte! Hundsmiserable. Weltwirtschaftskrise. Sechs Millionen Arbeitslose im Reich, die teils "Rot Front", teils "Heil Hitler" schrien.

Die Zeitungen, die über den neuen Hindenburgdamm vom Festland kamen, waren keine erfreuliche Lektüre. Es sei denn, man lachte in den Strandkörben über den Zwickelerlaß für Badehosen, mit dem Bracht, stellvertretender ? Reichskommissar in Preußen, die Moral heben wollte.

Nun war der bekannte Architekt Otto Firle aus Berlin auf der Insel erschienen und baute das Traumhaus. Bauherr war der ebenfalls von dort anreisende, noch bekanntere Cellist Max Baldner. Die halbe Million hatte, so munkelte man, seine Frau mit in die Ehe gebracht. Geld schien keine Rolle zu spielen. Allein der dicke Turm, um den sich die. anderen Flügel gruppierten, wurde zweimal abgerissen und wieder neu errichtet. Den Sylter Maurern war es recht. Sie strichen den Stundenlohn ein, bevor der

Cellist, mit der Akustik zufrieden, im Turmzimmer seine Kniegeige streichen konnte.

Sensationell für die Sylter waren vor allen Dingen die sieben "Klönkästen" im Haus, der erste private Telefonanschluß auf der Insel. Hans Hansen muß es wissen. Heute ist der 63jährige Sylter nach dem in diesen Tagen verstorbenen Bleicke Bleicken Bürgermeister in Kampen. Vor 40 Jahren hat er als junger Elektriker die Telefone selbst installiert.

Am 30. Januar 1933, am Tag der Machtübernahme durch Hitler, war der Rohbau fertig. Im Herbst zog Familie Baldner ein und schon zu Weihnachten fröstelnd wieder aus: Die "Baldner-Burg", so wurde sie nun genannt, war nicht warm zu bekommen, wenn die Winterstürme über das Watt fegten.

Familie Baldner zog mit ihren drei Kindern ins Cafe Rehder, wo John Rehder damals auch Zimmer an Pensionsgäste vermietete. Nebenbei war er stellvertretender Gemeindedirektor und Ortsgruppenleiter der NSDAP. Deswegen gelang es ihm auch, die "Baldner-Burg" zu retten, als 1934 eine Horde junger Nazis aus Flensburg in "Räuberzivil" erschien, um die "Judenburg" zu zerstören. Die Baldners hatten die Zeichen der Zeit richtig gedeutet und die Insel mit unbekanntem Ziel verlassen. Ihren Hausschlüssel gaben sie John Rehder.

"Was können Möbel, Badewannen und Toiletten dafür, daß hier Juden gewohnt haben?" So fragte er die 40 Jugendlichen. Sie wußten es auch nicht. Sie zerstörten nichts, sie stahlen nichts und steckten le-, diglich, um irgend einen "Erfolg" melden zu können, das Kaminholz in Brand. Nach ihrem Abzug wurde die Baldner-Burg mit Fensterklappen ? und Brettern im Auftrag des damaligen Gemeindedirektors Nikolaus Franzen verrammelt und bis 1944 nicht mehr betreten.

Da brachten die Sonderzüge vom Festland die ersten Flüchtlinge aus Ostpreußen. Sie zogen in die seit zehn Jahren leeren Zimmer ein. 1945- konnte die inzwischen verwitwete Frau Baldner, ihr jüdischer Mann starb in der Emigration, ihren Besitz wieder übernehmen. Sie verpachtete ihn als Gästhaus an den Hamburger Verlag "Die Zeit". Hausverwalter wurde der gerade aus der

US-Kriegsgefangenschaft entlassene Ernst von Salomon. Die Insel war zum Refugium geworden für viele -Autoren und Publizisten.

"Die Seeluft und das Wasser taten den Erholungssuchenden gut", erinnert sich Dr. Lovis H. Lorenz, damals Hauptlizenzträger der "Zeit". "Aber was nützte es, wenn sie, vom Hunger getrieben, die Insel nach Eiern oder Pilzen durchstöberten! Wir mußten uns den Nimbus eines Sanatoriums geben. Dazu gehörte ein echter Mediziner. Wir fanden ihn in Dr. Riedel, heute oberster .Medizinmann' des Bundeswehr-Sanitätswesens." Er übertraf sogar den bekannten Zauberkünstler Kalanag, indem er für die Sanatöriumsinsassen die richtigen Lebensmittelkarten auf amtlichen Wegen herbeizauberte.

Kalanags Magie überbrückte oft aufs angenehmste die abendlichen Diskussionen am Kamin. Einmal erzählte er, wie er zu einer Vorstellung im v kleinen Kreise zu Goebbels befohlen worden war. Er ließ den Minister wie üblich eine Karte ziehen. Goebbels steckte sie in die Brusttasche/ da im gleichen Augenblick sein Telefon klingelte. Den Hörer am Ohr, vernahm er nur die Worte: "Sie haben Pik 9 in der Tasche!" Es stimmte, Goebbels staunte. Doch als Kalanag ihm den Trick nicht verraten wollte, sei Goebbels sehr unangenehm geworden.

Zahllos sind die Histörchen und Geschichten, die sich um die Baldner-Burg und ihre Gäste ranken. Nach der Währungsreform 1948, als die Gäste wieder zahlen konnten,, löste Frau Baldner den Vertrag mit der "Zeit". Die "Baldner- Burg" wurde eine exklusive Fremdenpension. Die Baldnertöchter heirateten, Sohn Thomas kehrte als Dirigent aus den USA zurück. Die alten Gäste kamen wieder und brachten neue mit. In den Gästebüchern findet man Namen, wie Wilhelm Furtwängler^ Bertha Krupp, Antje Weissgerber, Ernst Rowohlt, Käthe Dorsch, Mathias Wieman, Will Quadf lieg, Willi Forst und viele andere mehr.

Auch Hans Zehrer, der erst das "Sonntagsblatt", später "Die Welt" als Chefredakteur leitete, traf sich hier mit Freunden. Eingeweihte wissen, wie viele Bücher, wie viele publizistische Unternehmen letzten Endes auf Sylt wurzeln.

Ernst von Salomon zog es nach Erscheinen seines "Fragebogens" (er hatte ihn in der Baldner-Burg konzipiert, aber in Bayern geschrieben) auch wieder nach Kampen zurück. Hier hatte er seine zweite Frau Lena kennengelernt. Vom Arbeitsdienst (RAD) auf die Insel verschlagen, war sie dort hängengeblieben. Nun genoß das Schriftsteller-Ehepaar die Tantiemen, die der Bestseller ins Haus "Kupferkanne" brachte.

Heute lebt Frau Lena von Salomon in Stockte bei Winsen (Luhe). Ihre jüngste Tochter strebt auf der kaufmännischen Laufbahn in dem Verlag empor, dem 1963 der Kienderhof von der Witwe Baldner zum Kauf angeböten wurde.

Verleger Axel Springer, der in der Nachbarschaft ein Sommerhaus besitzt, griff zu. Er ließ die "Baldner-Burg" modernisieren und richtete den ?Klenderhof , wie er nun nach der alten Flurbezeichnung wurde, als behagliche Tagungsstätte für Verlagskonferenzen ein, als Stätte der geselligen Begegnung zwischen Politikern, Wirtschaftlern, Künstlern und Publizisten seiner Blätter. Jetzt liegen die meisten Räume in Schutt und Asche. Unbekannte Täter hatten Brändsätze im Reeddach und im Innern entzündet. Wovor eine Horde jugendlicher Nazis 1934 noch zurückschreckte, das verübten diesmal vermutlich Terroristen anderer Couleur. Die Parallelen sind erschütternd. Die Flammen vom Kienderhof signalisieren möglicherweise, was dem viel zitierten mündigen Bürger bevorsteht, wenn eine Demokratie sich nicht derartiger Extremisten zu erwehren weiß.

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