"Wir müssen noch lange mit dem Auto leben!"

ADAC plädiert für Stadtautobahnen

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EGBERT A. HOFFMANN

Die Weltstadt Hamburg kann auf Stadtautobahnen nicht verzichten. Denn sie sind umweltfreundlich und entlasten benachbarte Wohnviertel, in denen die Bevölkerung heute noch durch den Straßenverkehr in unerträglicher Weise belästigt wird. Mit diesen Argumenten plädierten Vertreter der Baubehörde und des ADAC gestern vor der ADAC-Verkehrsinitiative für den Bau von Stadtautobahnen.

Im Hintergrund der Diskussion stehen die Proteste von Bürgerinitiativen, die den Bau von Stadtautobahnen kategorisch ablehnen. Dabei geht es unter anderem auch um den Isebek- Kanal, der einer solchen Schnellverbindung geopfert werden müßte. Entrüstete Anwohner wehren sich entschieden dagegen. Die Baubehörde wartet erst einmal ab, wie der Streit ausgeht.

"Wir müssen heute wohl oder übel mit dem Auto leben", gab Baudirektor

Konrad Maldfeld zu bedenken. Er nannte Zahlen: Heute macht im Durchschnitt jeder Einwohner täglich 1,3 bis 1,5 Fahrten mit dem Auto. Nach Befragungen nimmt die Baubehörde an, daß 1990 mindestens 2,2 bis 2,5 Fahrten je Tag und Einwohner Hamburgs Straßennetz belasten.

Der Gesamtverkehr in der Hansestadt setze sich heute ? so Maldfeld ? zu 41 Prozent aus öffentlichen und zu 59 Prozent aus individuellen Verkehrsmitteln zusammen. Aller Voraussicht nach werde sich dieses Verhältnis im Jahre 2000 auf 35 zu 65 Prozent zugunsten des Individualverkehrs verschieben. An diesem Sinken des öffentlichen Verkehrs ändern auch bessere Schnellbahn-Verbindungen nichts.

Man müsse also den Straßenverkehr kanalisieren, man müsse ihn bündeln, um ihn aus den Wohnvierteln abzuziehen, meinte Maldfeld. Genau das sei die Aufgabe der Stadtautobahnen. Im Falle der geplanten Ost-Tangente, die die Langenhorner Chaussee entlasten soll, seien zwischen der Kieler Autobahn und dem Jahnring schon 90 Prozent des Grund und Bodens in Staatsbesitz.

Sprecher der Baubehörde, des Polizeiverkehrsamts und des ADAC bestätigen: Die Bevölkerung des Jahres 2000 werde den Wunsch nach mehr Mobilität haben. Eine Alternative zum Auto sei vorerst jedoch nicht in Sicht. Restriktive verkehrspolitische Maßnahmen können die Autoflut nicht stoppen. Man müsse also Vorsorge treffen, um mit den Strömen der Autos fertig zu werden. Stadtautobahnen seien dafür ein geeignetes Mittel. Zugleich könne die Umweltbelästigung auf ein Minimum reduziert werden.

Stadtautobahnen ? ja oder nein? Das ist das Thema. Andere Großstädte kennen solche Diskussionen nicht. Denn -sie bauen seit Jahren Stadtautobahnen, und Proteste hat es kaum gegeben. Paris ist eins der besten Beispiele dafür, daß Stadtautobahnen in dichtbesiedelten Wohnvierteln den Terror des Massemverkehrs mildern können: weniger Gestank, weniger Lärm, weniger Unfälle ? die Menschen atmen auf. Buchstäblich.

Ob das auch mit Hamburgs projektierten Stadtautobahnen erreicht wird, ist zu prüfen. Immerhin haben auch die Bürgerinitiativen keine Alternative parat. Ein kompromißloses "Wir sind dagegen" hilft niemandem weiter. Vor allem sollten Emotionen endlich aus dem Spiel bleiben, weil sie zur Unsachlichkeit verleiten. Die besseren Argumente sollten entscheiden.

Ferner ist sehr gründlich zu prüfen, ob Stadtautobahnen nicht eine unerwünschte Nebenwirkung haben, indem sie die Verkehrsmisere am Rande der Innenstadt verschärfen. Denn jeder Autofahrer weiß, daß schnelle Straßen sofort zusätzlichen Verkehr anlocken.

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