Hamburg beobachtet gespannt das Experiment mit der Zeil

Fußgängerparadies mit Straßenbahn: Geht das?

| Lesedauer: 3 Minuten

In Frankfurt hat ein Experiment begonnen, das auch für Hamburg bedeutsam ist. Die Zeil, Frankfurts bekannteste Einkaufsstraße, ist seit Dienstag ? für den gesamten Fahr- P verkehr gesperrt. Die Zeil gehört allein, den Fußgängern ? die sich aber mit der Straßenbahn arrangieren müssen. Die gleiche Situation gilt für die Mönckebergstraße, die ebenfalls Fußgängerparadies werden soll. Auch mit Straßenbahnen - wie in Frankfurt.

Aus dem Frankfurter Rathaus kommt überraschende Kunde: "Die ersten Tage der Zeil-Sperrung waren unerwartet ruhig. Das befürchtete Verkehrschaos fand nicht statt. Die vielen tausend Autofahrer, die bisher die Zeil verstopften, haben sich andere Straßen gesucht. Dabei gab es kaum Stockungen."

Das Experiment soll zunächst drei Monate dauern. Aber schon heute meinen Frankfurts Verkehrsplaner, daß der Straßenverkehr auf die 600

Meter lange Zeil verzichten könne, da es genug Ausweichstraßen gäbe. Die Zulieferer für die sechs großen Kaufhäuser und die zahlreichen Einzelgeschäfte können von Seitenstraßen ihre Ziele ansteuern.

Am heutigen Sonnabend ist auf der Zeil amtlich Trubel anberaumt: öffentliche Veranstaltungen sollen für das neue Fußgänger-Dorado werben, Musikkapellen werden die Aktion akustisch untermauern.

Es bleibt die Frage, ob die Straßenbahnen eine Gefahr für die Fußgänger bedeuten. Eine Frage, um die es auch im Falle Mönckebergstraße geht. Beide Geschäftsstraßen sind etwa gleich lang und breit.

Alle 90 Sekunden ein Zug

Dazu ein Sprecher der Frankfurter Stadtverwaltung: "Während der Hauptverkehrszeit fährt in jeder Richtung alle 90 Sekunden ein Stra- ßenbahnzug durch die Zeil. Damit die Bahnen langsames Tempo halten, haben wir eine zusätzliche Haltestelle eingerichtet. Schwierigkeiten mit den Fußgängern zeichnen sich nicht ab." Zusätzliche Schutzmaßnahmen sind vorerst nicht geplant.

Durch die Mönckebergstraße fahren weniger Bahnen als durch die Zeil. Am besten wäre es natürlich, den Bahnbetrieb stillzulegen. Aber das ist kaum möglich, solange wichtige Stra- ßenbahnstrecken am Hauptbahnhof enden. Ein Kehren der Bahnen am Rathausmarkt würden die Fahrgäste kaum hinnehmen.

Für den übrigen Straßenverkehr bieten sich hingegen, wie die Handelskammer Hamburg bestätigt, andere Straßenzüge an: Steinstraße/Rathausstraße, Ferdinand-/Hermannstraße und Raboisen. Totales Halteverbot ist in diesen Straßen allerdings Voraussetzung für reibungslosen Verkehr.

Buslinien verlegen"

Dr. Hans Daube vom Bürgerverein der Innenstadt: "Sicherlich ist die Mönckebergstraße für den Individualverkehr zu entbehren. Die Buslinien sollten allerdings in andere Straßen verlegt werden. Mit den Straßenbahnen könnte man sich wohl abfinden."

Fußgängerzentren mit Straßenbahnen ? eine gefährliche Kombination, so scheint es. Daß eine solche Regelung jedoch gefahrenlos funktionieren kann, beweisen mehrere Großstädte. Die längsten Erfahrungen hat Kassel. Dort ist die Obere Königstraße seit 1963 auf 550 Meter Länge ausschließlich Fußgängerstraße. Man hat die Bordsteinkanten entfernt, es gibt nur eine einzige Ebene von Hauswand zu Hauswand. In der Mitte fährt die Straßenbahn.

Mit Tempo 50

Aus Sicherheitsgründen war vor zwölf Jahren die Geschwindigkeit der Bahnen auf 20 km/st begrenzt worden. Da die von Pessimisten befürchteten Unfälle ausblieben, wurde kürzlich das Tempo-Limit auf 50 km/st heraufgesetzt, obgleich die Gleise nicht mit Gittern gesichert sind. Heute passieren die Obere Königstraße insgesamt fünf Linien ? das sind bis zu 20 Züge stündlich in jeder Richtung.

Vermutlich läßt sich eine vergleichbare Regelung auch für die Mönckebergstraße finden. Auch manche Geschäftsleute, die sich seit langem für die Fußgängerzone stark gemacht haben, plädieren für eine Beibehaltung des Straßenbahnbetriebs. Das ist aus ihrer Sicht verständlich ? die Bahnen sind werbewirksam. Wer Straßenbahn fährt, blickt auch aus dem Fenster auf die Geschäfte. Eine Tatsache, die auch' in Frankfurt mitentscheidend dafür war, daß die Bahnen aus der Zeil nicht verbannt wurden.

EGBERT A. HOFFMANN

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: 1973