Premiere im Malersaal des Schauspielhauses

Eröffnung mit Bond und Beifall

Der Malers aal des Deutschen Schauspielhauses, Hamburgs langersehnte Studiobühne, hat seine Feuertaufe bestanden. Zum erstenmal füllte gestern abend Publikum den spartanisch eingerichteten Raum. Auf der Bühne: Bonds "Die Hochzeit des Papstes". Zum Schluß ein paar ratlose Blicke der zumeist prominenten Zuschauer, dann schnell anwachsender freundlicher Beifall.

Edward Bonds "Hochzeit des Papstes" ist älter als "Gerettet" ? ein Bühnenerstling, und mit seinem Titel nicht identisch. Dieser deutet nur vage darauf hin, daß in den vierzehn Szenen etwas ähnlich Unmögliches zu gewärtigen ist, wie es im Trick mit dem Titel versprochen wird. Nun auch im Theater: keine Wahrheit mehr in der Werbung.

Bei dem Versuch, sie wenigstens im Stück anzutreffen, stoßen wir auf einige Spuren. Bei Scopey, genannt Sco, dem Chef einer frustrierten Bande von Crickettspielern und Müßiggängern, ist es ein Ausbruchsversuch aus dieser Kommune mittels waghalsiger Eheschließung und die Unmöglichkeit, eine solche zu führen. Der entfremdete und verstörte junge Mann flieht also gleich weiter und landet in der Wellblecheremitage des hilflosen, rauh mummelnden und nur noch freßgierigen alten Alten. Er bekocht und füttert den Sabbernden, fegt ihm den Stall, hält ihm Tochter und Meute vom Hals und beklopft ihn von allen Seiten nach dem möglicherweise heilbringenden Geheimnis seiner aufs äußerste reduzierten Existenz. Da er außer schmutzigen Töpfen, leeren Blechdosen, gestapelten alten Zeitungen und fast völlig verdampften Erinnerungen aus dem Alten nichts anderes als den Willen zum Vegetieren herausschütteln kann, erschlägt Sco den Dahinvegetierenden, steckt ihn in einen großen Sack und liquidiert seine Weltflucht als ebenso unmöglich wie die Hochzeit, die im Titel des Stückes annonciert wird.

Merkwürdig, daß dem vor neun Jahren noch bedeutend jüngeren Bond mit dieser skurrilen Geschichte ? und auf Anhieb ? gleichwohl eine Art Theaterstück geglückt ist ? wenn auch kein Meisterwerk. Die Faszination steckt in dem frühen Erkennen der erst später über die Bühnen hereingebrochenen Sex- und Brutalwelle des jugendlichen Undergrounds samt ihrer griffigen Typologie in Verhalten, Sprache, Wortschatzbegrenzung und ins Leere sto- ßenden, ziellosen Aktivität. HitT ist ein sehr starker und echter Wirklichkeitsbezug zu erkennen, der Theater möglich macht, selbst wenn "diese Geschichte von Ihnen" nicht jedermann transparent werden mag, dem sie angeboten wird.

Nun erscheint sie in der Werkstatt des "Malersaals", also vor Theater-Freiwilligen, nicht zum vorgefaßten Ärger der Abonnenten und in einer kaum "englischen", aber doch intelligenten Inszenierung Peter von Wieses. Das hier zu erwartende Publikum müßte in dem jungen Darsteller-Team doch einig© Spiel- oder Wesenszüge erkennen können, mit denen es sich zu identifizieren vermag. Mit der Rolle des alten Alten freilich, nicht. Aber Josef Dahmen nimmt ihnen diese Sorge ab. Er interpretiert, was von einem Menschen übrigbleibt, wenn die Jungen schon lange nicht mehr hinsehen. Das ist ein" schauspielerische Meisterleistung.

In dem begabten Junioren-Team haben rollengerecht Knut Hinz und Eos Schopohl die Führung: Scopey und Pat, Junge und Mädchen, Mann und Frau, der Ausbrecher und sein Flittchen ? eine Hochzeit der Armseligkeit. Mehr als Zuträger an dieser Geschichte beteiligt: Horst Reckers, Eberhard Heimann, Daniel Reinhard, Wolfgang Wolter, Lutz Mackensy, Gerhard Olschewski und Susanne Schaefer. Bühne: Christof Heyduck. walter m. herrmann

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