Internationales Verkehrs-Kolloquium über Umweltschutz

Wie gefährlich sind Abgase und Lärm?

| Lesedauer: 3 Minuten

Von unserem Redaktionsmitglied

Detlef Böttcher-Ramdohr

Hamburg, 19. Oktober

Seit Jahren beschäftigen sich Wissenschaftler in aller Welt mit der Entgiftung der Autoabgase und der Bekämpfung des Verkehrslärms.

Das wurde gestern schon zu Beginn des dreitägigen II. Internationalen verkehrswissenschaftlichen Kolloquiums im Gebäude der Handelskammer in Hamburg deutlich. Auf Einladung der Deutschen Akademie für Verkehrswissenschaft nehmen an diesem Kongreß, der unter dem Leitthema "Der Mensch im Verkehr und seine Umwelt" steht, rund 270 Fachleute aus Ost und West teil. Heute soll über medizinische Teilaspekte referiert und diskutiert werden.

Die Probleme des Umweltschutzes können nach den Worten von Staatsrat Dr. Jürgen Frenzel (Hamburg! nur. durch gemeinsames verantwortungsbewußtes Handeln von Wissenschaftlern, Produzenten, Konsumenten und Politikern gelöst werden. Bei der Gesamtanalyse sei es erforderlich, auch die "viel bewunderten Errungenschaften der modernen Technikradikal in Frage zu stellen." Schön Robert Koch habe 1910 erkannt, daß man eines Tages den Lärm ebenso bekämpfen, müßte wie Cholera und die Pest. Untersuchungen des Essener Hygienikers Prof. Hettche hätten ergeben, daß vor allem Menschen an Lungenkrebs erkranken, die als Kinder in Stadtteilen mit starkem Autoverkehr lebten.

Dennoch warten sie bis heute vergebens auf eine verbindliche Aussage der Mediziner: Es gibt noch keine allgemein gültigen Forschungsergebnisse über den Grad der Gesundheitsgefährdung durch diese Umwelteinflüsse.

Der ehemalige Hamburger Polizeipräsident betonte in diesem Zusammenhang, daß die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel auch ein "sozial vernünftiges Verhalten" sei. Autofahrer, die "ohne zwingenden Grund zweimal täglich die Straßen verstopfen, die Stadtluft mit Lärm erfüllen und mit Gift anreichern, nur um mit dem Fahrzeug acht bis zehn Stunden lang einen Parkplatz zu blockieren", sollten als "negative Leitbilder" oder "Verkehrsmuffel" angesehen

werden.

Der Generaldirektor der Deutschen Shell AG., Dipl- Chem. Ing. Weibergen, wandte sich gegen eine Verteufelung des Autos und eine Drosselung des Individualverkehrs. Vielfach fehle noch als Ersatz, ein adäquates öffentliches Verkehrsmittel. In der Bundesrepublik liegen nach seinen Angaben noch keine

Untersuchungsergebpisse darüber vor, welchen Anteil das Kraftfahrzeug ? neben der Industrie und den privaten Haushaltungen ? an der Luftverschmutzung hat.

Nach Ansicht von Prof. Dr.-Ing. Förster (Daimler Benz AG., Stuttgart) beweisen die vor allem aus den USA vorliegenden Untersuchungen, daß bisher noch keine akute Gesundheitsgefährdung durch Autoabgase bestehe.

Für den ungarischen Verkehrswissenschaftler Prof. Dr. K. Kadas (Budapest) ist allerdings schon der Zeitpunkt voraussehbar, an dem die Entwicklung moderner Großstädte am Autoabgasproblem und dem Verkehrslärm Ihre Grenzen findet. Er vermißt bei der Planung die "zielbewußte Durchlüftung der Städte". Denn je zügiger gefahren werden kann, ? das ergaben auch die Referate der Motorspezialisten !? desto geringer ist der Ausstoß giftiger Abgasbestandteile.

Bürgermeister Kern, der die Kongreßteilnehmer als Präsident der Deutschen Akademie für Verkehrswissenschaft begrüßt hatte, warnte davor, Umweltschutz nur als Modeerscheinung zu betrachten. Er bedauerte, daß es bei uns auf dem Gebiet der Abgasentgiftung noch keine gesetzlichen Bestimmungen gibt. Es sei unhaltbar, so sagte er, daß Automobilfabriken in der Bundesrepublik für das Ausland Fahrzeuge mit besonderen Anlagen zur Abgasreinigung produzieren, im Inland aber weiterhin Fahrzeuge ohne diese Einrichtungen verkauften.

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