Das Kind wurde krank geboren / "Wenn keine Hilfe kommt"

Manchmal haben wir Angst, sagen Renates Eltern...

Schnellebig geht die Zeit darüber hin: Außergewöhnliche Schicksale geraten in Vergessenheit, die Spuren menschlicher Not verlieren sich im Strom des Neuen. Doch es lohnt zu fragen: Was ist eigentlich aus den Menschen geworden, deren dramatische oder glückliche Erlebnisse

Der Schatten des Todes fiel im November auf das junge Leben des Mädchens Renate. Den Eltern brach alle Hoffnung zusammen. Denn in der Erinnerung an ihren Erstgeborenen spürten sie nun, daß sich ein böser Schicksalschlag für sie zu wiederholen drohte. Die Mutter sah im Gesicht ihres Säuglings die unheilvollen Zuckungen. Bei Rainer, dem ersten Kind, hatte es genauso begonnen. Rainer war lange schon tot.

Das liegt nun fast zehn Jahre zurück. Die Schatten der tödlichen Krankheit sind gewichen. Über dem kleinen Ort Leck an der schleswig-holsteinischen Westküste liegt Sonnenschein, und vom Garten her klingt Renates Lachen.

Die Problemlosigkeit ihrer kleinen Welt zerbrach für Wilhelm und Margot Loeck mit der Geburt des ersten Kindes. Rainer, 1947 geboren, litt an einer heimtückischen Stoffwechselkrankheit, die heute als "Phenylketonurie" bekannt ist. Nach achtjährigem Siechtum erlosch das Leben dieses Kindes, das nie über den Entwicklungsstand eines Babys hinausgekommen war.

-Doch wir liebten unseren Jungen, und für nichts auf der Welt hätten wir

Ein Bericht von EnnoQuittel

ihn hergegeben", sagt Margot Loeck. So pflegten sie ihn, ahnungslos, daß dies Kind sein Leiden ererbt hatte, und sie verzichteten auf viele Dinge, die Menschen oft wichtig sind.

Dann wurden Monika und Anneliese geboren. Beide, heute 14 und 13 Jahre alt, gesund und lebensfroh. Am 1. März 1960 kam Renate. Sie waren wieder eine glückliche Familie und der Meiereiverwalter Wilhelm Loeck wußte, wofür er arbeitete.

Doch der Novembertag veränderte das Leben dieser Menschen auf drastische Weise. Renate wand sich in Krämpfen. Der Verdacht wurde zur Gewißheit: auch dieses Kind litt an Phenylketonurie, war von schwerer Hirnschädigung und schließlich vom Schwachsinn bedroht. Renate kam in die Universitätskinderklinik in Kiel.

Nach einem freuolosen Weihnachtsfest besuchten die Eheleute ihr Kind. Das Urteil der Ärzte: Wir können diese Krankheit stoppen mit einem Medikament, das es nur in England gibt und das sehr teuer ist. Die Behandlung, so erfuhren die Eltern, wird sich über Jahre hinziehen und ein Vermögen verschlingen.

Margot Loeck legt die Hände ineinander und sagt ruhig: "Wir waren damals am Ende unserer Kraft. Als wir im Zug nach Hause fuhren, haben wir geweint." Doch für eine Hoffnung waren sie zu jedem Opfer bereit. Wilhelm Loeck löste den Bausparvertrag ein, verkaufte seinen Wagen und begrub den Wunsch, einmal selbständig zu sein. 500 Mark im Monat waren allein für das Medikament aufzubringen.

An einem Tag im Januar 1961 ging die Mutter zu Propst Hans-Egon Petersen in Leck. Hatte Vater Loeck auch gesagt: ?Das kannst du ruhig lassen; die

Kirche hat auch kein Geld", so gab die Frau doch nicht auf.

Die Wende kam mit einem Artikel im Hamburger Abendblatt vom 28. Januar 1961. Ja, die Loecks erinnern sich genau an die große Überschrift, die eine Welle der Hilfsbereitschaft auslöste. "Dies Kind wird sterben, wenn keine Hilfe kommt" ? so stand es über einem Aufruf des damaligen Rektors der Hameinmal Schlagzeilen machten? Das Hamburger Abendblatt ist diesen Spuren nachgegangen und bringt unter dem Stichwort "Erinnern Sie sich?" eine Serie, deren einzelne Kapitel in loser Reihenfolge veröffentlicht werden. Heute unser zweiter Bericht.

burger Universität, Professor D. Dr. Helmut Thielicke. Das "Wunder" war geschehen, und Margot Loeck verschwammen die Zeilen vor den Augen.

Propst Petersen, gerade dabei, mit Wohnwagen und Familie in den Urlaub nach Romö aufzubrechen, blättert lange in einem großen Ordner, der alles über den Fall enthält. Er erzählt: "Ja, die Eheleute Loeck wären perplex, als ihnen unser Pastor Bruchwitz nach dem Gottesdienst damals den Artikel aus dem Hamburger Abendblatt zeigte. Ohne Frage, sie glaubten nicht nur wieder an das Gute im Menschen, sondern auch an die Kraft des Gebets."

Ein Reeder half

Dann erläutert Propst Petersen das "Wunder"; berichtet von seinem Briefwechsel mit Professor Thielicke und dessen spontaner Aktion. Zeigt die Belege, die über drei Jahre hinweg von der tätigen Nächstenliebe eines einzelnen Mannes künden: Ein Hamburger Reeder, dessen Name bis heute nicht einmal Renates Eltern kennen, hatte damals solange die Bezahlung des kostspieligen Medikaments übernommen, bis das Bundessozialhilfegesetz kam und der Staat die Kosten trug.

War auch damals auf diese Weise die Gefahr gebannt, so blieb doch in all den Jahren die Entbehrung. Bekamen andere Kinder Schokolade, ging Renate leer aus, holten sich die Geschwister ein Eis, mußten sie es vor der Jüngsten verstecken. Renate durfte das alles nicht. Es wäre ihr Tod gewesen. Statt dessen Spezialdiät und Spezialbrot aus Stärke und Wasser. Und jeden Tag das lebenserhaltende Medikament, das so scheußlich schmeckt, daß die Eltern es nie probiert haben und sich Erwachsenen nach einer Kostprobe der Magen dreht.

Unendliche Geduld und Liebe trugen ihre Früchte. Renate begann mit drei Jahren zu sprechen und entwickelte sich rasch. Margot Loeck wirft ihrer Tochter einen liebevollen Blick zu und gesteht: "An diesen wunderbaren Erfolg haben wir nicht geglaubt. Wir waren schon über jedes Lächeln so selig."

Im Alter von sieben Jahren konnte Renate, die heute so lebhaft, so lieh und so frech ist wie alle Kinder, eingeschult werden. Heute besucht sie die Sonderschule in Niebüll und ist nach dem Urteil der Ärzte "fast volksschulreif". Sonderschuldirektor Ipke Lorenzen: "Renate ist zwar im logischen Denken etwas benachteiligt, in den musischen Fächern aber ganz auf der Höhe."

Tätige Nächstenliebe

Renate quittiert dies Urteil ihres Lehrers mit einem fröhlichen Blick und knabbert einen Keks. Sie ist jetzt soweit, daß sie fast alles wieder essen kann, und auch das Medikament ist vom "Speiseplan" verschwunden.

Wieder sind sie eine glückliche Familie. Wilhelm Loeck trauert den Folgen der Strukturverbesserung in der Landwirtschaft nicht mehr nach ? er ist heute Kirchendiener der Gemeinde ? und Margot Loeck hat ihre Energie in den Dienst tätiger Nächstenliebe gestellt. Sie hält Kontakt mit anderen Eltern, die ein gleiches Schicksal getroffen hat.

In Dankbarkeit denken die Eheleute an Professor Thielicke, den sie den Schutzpatron ihres Kindes nennen, und an ihren unbekannt gebliebenen Wohltäter. Zehn Jahre haben ihr Leben von Grund an verändert. Margot Loeck sagt es wie zu sich selbst: "Heute sind wir die glücklichsten Eltern der Welt. Dies Kind hat uns zu anderen Menschen gemacht ? wir sind reich geworden. Nur manchmal haben wir Angst . . ."