Antragslawine erwartet / 10 Jahre Aufenthalt ist Bedingung

Immer mehr Gastarbeiter wollen Deutsche werden

Von unserem Mitarbeiter Hont Zimmermann '

Köln, 31. Dezember

Seit rund 13 Jahren, seit es mit der deuttchen Wirtschaft wieder kräftig aufwärts geht, gibt es ausländische Gastarbeiter in der Bundesrepublik. Viele von ihnen sind hier heimisch geworden! neben Ihre Familien nachgeholt und leben nun schon zehn Jahre im Lande. Auf die deuttchen Beberden rollt ein schwieriges Problem tu: Immer mehr Gattarbeiter wollen Deutsche werden.

Giovanni S., seine deutsche Frau Trude, seine beiden Kinder Angelo und Maria tanzten um ein Stück Papier, das in vergoldetem Rahmen neben der Wohnzimmercouch hängt "Urea! ? Ich habe es geschafft!" jubelte Giovanni und forderte seine Landsleute in seiner

Dreizimmer- Wohnung in Köln auf: "Trinkt und freut euch mit mir!"

Giovanni hatte Grund zur Freude: In der Urkunde im Goldrahmen wird ihm feierlich bestätigt, daß er sich im neuen Jahr als deutscher Staatsbürger betrachten darf. Als. Giovanni vor elf Jahren nach Köln kam, war er einer der ersten Gastarbeiter, die es geschafft haben.

Das Interesse der Ausländer an der deutschen Staatsbürgerschaft läßt sich an den steigenden Zahlen der Einbürgerungsbehörden ablesen. 1967 registrierte das Düsseldorfer Innenministerium 2549 "Einbürgerungen auf Grund von Ermessensentscheidungen", 80 Prozent mehr als 1966, und 1968 werden es wohl erstmals über 3000 sein. Dabei geben diese Zahlen nur einen unzulänglichen Eindruck vom tatsächlichen Interesse der Gastarbeiter an einem deutschen Paß. Die meisten werden nämlich schon bei den Ordnungsämtern der Städte "ausgesiebt", weil ihre Bewerbung keine Aussicht auf Erfolg hat. Anträge haben nur dann eine Chance, wenn der Ausländer mindestens zehn Jahre in der Bundesrepublik gelebt hat.

Diese Voraussetzung erfüllen nach einer Zählung allein in Nordrhein- Westfalen in den nächsten zwei Jahren rund 35 000 ausländische Gastarbeiter. Die Stadtverwaltungen an Rhein und Ruhr sind sicher: "Da kommt einiges auf uns zu."

Nach Ansicht deutscher Experten ist der Wunsch der Ausländer, Deutsche zu werden, der logische Schlußpunkt einer langen Entwicklung: "Wer schon acht Jahre oder länger bei uns arbeitet, hat sich in der Regel häuslich eingerichtet. Zahlreiche unserer ausländischen Mitarbeiter besitzen ein Auto oder sogar ein Ein-Familien-Haus, die Kinder besuchen deutsche Schulen und sprechen teilweise schon besser deutsch als ihre Muttersprache", berichtet der Personalchef eines großen Kölner Werkes. Die inzwischen überwundene Wirtschaftskrise hat das Interesse an einem deutschen Paß noch wachsen lassen. Ein Sozialbetreuer in Duisburg: "Plötzlich bekamen alle Angst, daß man sie von den gutgefüllten deutschen Lohntüten vertreiben könnte."

Giovanni S. in Köln hat denn auch klar den Vorteil seiner Einbürgerungsurkunde erkannt: "Einen Deutschen kann man nicht einfach abschieben, wenn einmal schlechte Zeiten kommen."