1968: Jahr der Gegensätze

Das blutbefleckte Fahnentuch, das junge Tschechoslowaken in den Augusttagen ihrem Demonstrationszug vorantragen, ist ein erschütterndes Sinnbild für die Zerrissenheit der Welt, für das harte Aufeinanderprallen der Gegensätze, die 1968 zu einem so beängstigend unruhigen Jahr machten. Das Symbol nationaler Unabhängigkeit, das Symbol des Selbstbestimmungsrechts eines kleinen Volkes wird von den Spuren brutaler Unterdrückung gezeichnet.

Die Sowjetunion gibt sich 1968 zunächst den Anschein, als suche sie den Ausgleich, als strebe sie ein friedliches Zusammenleben der Völker auf der Basis der Gleichberechtigung und gegenseitigen Respektierung an. Sie sucht das Gespräch mit den USA. Hoffnungsvoll atmet die Welt auf.

Aber dann kommt der 21. August. Dann rollen mitten im Herzen Europas die Panzer. Dann baut sich Moskau auch im Mittelmeer eine bedrohliche Machtposition auf. Dann verkündet es ganz offen seine "Interventions-Doktrin", die nichts anderes besagt, als daß es sich auch künftig, wenn es ihm notwendig scheint, mit Gewalt in die inneren Angelegenheiten seiner kommunistischen Partnerstaaten einmischen wird. Stalins Geist ist wieder lebendig. Der rote Imperialismus marschiert. Die Welt aber stürzt aus der Hoffnung in tiefe Resignation.

Nach hochgespannten Erwartungen drückt Enttäuschung dem abgelaufenen Jahr seinen Stempel auf. Der Wunsch der Völker und Menschen nach einer friedlichen Welt wird auch 1968 nicht erfüllt. Bemühungen um innere Reformen werden begleitet von gewaltsamen, blutigen Unruhen. Auf den Kriegsschauplätzen brennt oder schwelt es weiter: im fast schon vergessenen Jemen ebenso wie an Jordan und Nil. In Vietnam rückt zwar der Frieden näher, aber auf dem Hintergrund erbitterter Schlachten. Und während sich die Menschheit anschickt, den Mond zu erobern, während mit kompliziertesten Herzverpflanzungen das Leben einiger weniger gerettet wird, verhungern in Biafra Hunderttausende.

Wie wird es weitergehen? Was wird das neue Jahr bringen? Im Januar tritt Nixon das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten an. Wird er die unruhige und zerrissene Welt dem Ausgleich und dem Frieden näherbringen können als der glücklose Johnson? Wird er das Hauptaugenmerk der amerikanischen Politik wieder mehr auf Europa richten und damit auch auf Deutschland, unser gequältes Vaterland, dessen widernatürliche Spaltung Ulbricht 1968 durch Paß- und Visumzwang noch weiter vertieft hat? Wird er mithelfen, uns die reale Hoffnung zu erhalten auf die Zukunft unseres Landes und Volkes als eines einigen und ungeteilten, für die wir Deutschen allein nicht genug tun können? Wir alle sollten es hoffen. DR. ERICH HOEPFNER

Titelfoto:

Am 22. August, dem Tag nach dem Überfall auf die CSSR, demonstrieren Prager Jugendliche auf dem Wenzelsplatz für die Freiheit. Vor sich her tragen sie ein Fahnentuch, das mit dem Blut eines zehnjährigen Jungen befleckt ist, der durch sowjetische Schüsse getötet wurde. Er blieb nicht der einzige.