Eine große Zeit

So optimistisch wie seit Jahren nicht mehr treten die Bundesbürger über die Schwelle des neuen Jahres. Wir haben Vollbeschäftigung und eine musierhaft-solide Währung; die Geschäfte blühen, und der Kriegslärm ist weit weg. Erhobenen Gefühls können wir gar sagen, im Lehnstuhl mit dabeigewesen zu sein, als der Mensch zum erstenmal aus der Erdgebundenheit ausbrach, die ihm seit Anbeginn unab- änderliches Schicksal schien. Das 21. Jahrhundert klopfte unüberhörbar an die Wohnzimmertür.

Eine große Zeit ? und es geht uns dabei gut, besser denn je in der jüngeren deutschen Geschichte! So wird man denn um Mitternacht gelassenen Sinns und in aller Zukunftsgläubigkeit, die durchaus auch Berge versetzen könnte, dem Fortschritt huldigen und dem deutschen Wohlergehen. Es bleibt aber doch auch reichlich Grund zum Nachdenken.

Wohl wären alle materiellen, wissenschaftlichen und technischen Voraussetzungen gegeben, kühnste Menschheitsträume zu verwirklichen und weltweite, friedliche Wohlfahrt herbeizuführen. Aber der Mensch, der an die Urgeheimnisse des Lebens selbst rührt und der den Mond in seinen Bannkreis zieht, hält auch die Mittel für totale Selbstvernichtung bereit!

Noch wächst die Geschichte nicht in Weltraumdimensionen, in denen sich das kleine Völkergezänk verlieren könnte. Viel zu weit sind die Raumpioniere uns allen vorausgeeilt, der Politik zumal, die den ganzen Ballast der vergangenen Jahrhunderte noch mit sich schleppt. Unendlich fern erscheint die erhoffte eine Welt. Gewitterwolken überall, politische Unrast auf dem ganzen Erdball, auch bei uns. So perlt heute nacht in den Sektkelchen doch auch die große Unruhe des weltweiten Umbruchs, die bohrende Ungewißheit, wohin der Weg schließlich führen wird. Es ist die wissenschaftlich-technische Revolution, die den ganzen Erdball schüttelt, die größte Revolution, die es je gab. Alle opfern ihr, ob Kapitalisten oder Kommunisten, ob reiche Industrienationen oder arme Entwicklungsländer; und sie verändert alles: die Produktionsprozesse und die Arbeitsbedingungen, die Machtverhältnisse und den privaten Lebenszuschnitt. Selbst Ideologien, Weltanschauungen und Religionen geraten in den Strudel des "Fortschritts", der die überkommenen Gesellschaftsstrukturen und Organisationsformen der Völker überrollt. Die ehrwürdigsten Hierarchien und Autoritätsbegriffe werden in der sich verändernden Umwelt in Frage gestellt, von der Jugend zumal, die nach neuen Ufern Ausschau hält. Eine Zeit voller Möglichkeiten, aber auch voller Risiken, die den Preis der Zukunft nur dem Mutigen verspricht.

In Deutschland, in unserem weltoffenen Stadtstaat nicht zuletzt, ist 1968 Beachtliches geschaffen worden. Aber genügt achtbare Tüchtigkeit, zeigen wir uns ganz auf der Höhe der Zeit? Übersehen wir das ganze Ausmaß der Anpassungsaufgabe, die uns der technische Sturmlauf und die zum Konsum verurteilte moderne Massengesellschaft stellen, auf industriellem Gebiet sowohl als auch in der Politik?

R eformen tun dringend not in unserem Staat, weil nach der Niederlage viel zu sehr restauriert wurde und weil Anpassung an die neuen Gegebenheiten schlechthin unausweichlich ist. Man hat auch grundlegende Reformen versprochen und unendlich viel darüber geredet Aber im Zeitalter der Elektronengehirne und der Mondfahrt scheint es noch im Postkutschentempo voranzugehen. Das gilt für das Bildungswesen, das dem Bedarf unseres technischen Zeitalters angepaßt werden muß; das gilt für die Forschung, für die im Vergleich zu den führenden Industrienationen viel zuwenig getan wird. Aber wer nicht ganz vorn mitmarschiert, bleibt liegen, mögen hier und heute auch die Geschäfte noch so gut florieren. Schon ist Japan, vor hundert Jahren noch ein mittelalterlicher Feudalstaat, mit vollen Segeln an der Bundesrepublik vorbeigezogen!

M odernes Management, das kein gro- ßes Kapitalunternehmen mehr entbehren kann, ist dringend nötig in den Ministerien und in der Verwaltung, wo so viel Zopf, Umständlichkeit und Schemadenken konserviert wird. Das gleiche gilt auch für die Parteien, in denen vielfach versteinerte Funktionärs-Kameradie wuchert, zum Schaden ihrer Verbundenheit mit der Bevölkerung. Sachfragen über Sachfragen! Man wird den Politikern im anbrechenden Wahljahr sorgfältig über die Schultern sehen müssen, ob sie nicht zu sehr an das Mandat denken und zuwenig politische Ehrlichkeit, politischen Mut praktizieren.

Üppige Handelsbilanzen, die tugendhafte D-Mark und Wohlfahrtsdenken allein genügen nicht mehr in der Welt, in der wir leben. Der Mut zum Wagnis und die Bereitschaft, vorauszuplanen, muß hinzukommen, wenn wir in der Spitzengruppe der Nationen bleiben wollen. Unser größter Feind wäre satte, überhebliche Selbstzufriedenheit. M. S.