Deutsche Schwimmer glänzen beim Titelkampf

Start mit Rekorden

s. s. Berlin, 29. August

In der Schöneberger Sporthalle begannen am Mittwoch die deutschen Schwimmeisterschaften. Wer geglaubt hatte, daB nach der Rekordschwemme von Wuppertal eine gewisse Erschlaffung folgen würde, sah sich angenehm überrascht. Denn schon am ersten Tag gab es vier deutsche Rekorde.

Michael Holthaus, der Musterschüler von Gerhard Hetz, 18 Jahre alt, mit schlanken Hüften und enorm breiten Schultern, gewann die 200 m Lagen in 2:13,0 und setzte sich damit auf Platz 3 in der Weltrangliste dicht hinter Buckingham und Ferris. Damit nicht genug: "Mike" verriet, daß er versuchen wolle, den 400-m-Weltrekord Halls zu brechen. Zuzutrauen ist es dem nervenstarken, unbekümmerten Bochumer, der seine Schwäche in der Brustlage weiter ausgebügelt hat und nach völliger Ausmerzung dieser Achillesferse weitbester Lagenschwimmer werden kann.

Uta Frommater aus Oldenburg, die den gesamtdeutschen 100-m-Brust-Rekord mit 1:16,9 schon besaß, drückte ihre Bestleistung auf 1:16,7 und bewies damit, daß sie die Wunderleistungen der Amerikanerin Catie Ball (1:14,2) nicht zur Resignation, sondern zum Aufbäumen brachte.

Heli Matzdorf, die im Alleingang die Olympianorm über 200 und 400 m lange vor Beginn der Berliner Titelkämpfe erfüllt hatte, zeigte, daß sie auch im Kampf erstklassige Zeiten erreicht. Mit 2:33,7 verbesserte sie ihren 200-m-Lagenrekord erneut. Zur Weltklasse fehlt noch ein gutes Stück. Trainer Gerhard Hetz sagt von seiner Schülerin, die er seit einem Jahr betreut: "Ich bin mir selbst noch nicht im klaren, ob sie ein Talent oder nur ein Arbeitstier ist." Jedenfalls ist die robuste, blonde, stupsnäsige Bochumerin stark genug, um in Mexiko ehrenvoll abzuschneiden. Und fleißig genug, um als Hoffnung für München angesehen zu werden.

Der bereits für Mexiko nominierte Freistilschwimmer Brune, der in Wuppertal die Olympianorm (4:15,0) nicht erreichte, aber als Staffelmann und als Mittelstreckler mitgenommen wird, meldete sich am Montag krank. Einer der Hinterleute, die Brune bedrohen, der Würzburger Werner Krammel, schwamm prompt als zweiter des 400-m-Finales mit 4:17,9 eine bessere

Zeit als Brune in Wuppertal. Man wird ihn wohl auch mitnehmen müssen, will man sich von Verbandsseite aus nicht ins Unrecht setzen.

Im Endlauf unterlag Krammel dem Favoriten Fassnacht (2:17,4) nur um eine halbe Sekunde, und alles glaubte, der Mannheimer habe ihn aus Kameradschaft zu dieser Zeit "gezogen". Doch das einzige, was gezogen werden müßte, ist der rechte Backenzahn Fassnachts im Unterkiefer rechts. Er bereitete ihm so infame Schmerzen, daß er nach seinem Sieg mit geschwollener Wange und traurigem Gesicht ein paar harte Worte über die Fehlkonstruktion des lieben Gottes ausstieß, die nach seiner Meinung das menschliche Gebiß darstellt.

Großartig waren die Brustschwimmer. Der junge Berliner Günther stellte den Rekord mit 1:09,3 ein, und mit Betz und Aretz kamen noch zwei Teilnehmer unter

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.