Landesverratsverfahren vor dem Bundesgerichtshof

Agent mit Schlägen und Wodka "umgedreht"

Eigener Bericht- dpa -upi

suw Karlsruhe, 4. Juli

Mit Schlägen, Wodka und Drohungen will der frühere Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz Friedrich Wilhelm Schulz vom zonalen Staatssicherheitsdienst "umgedreht" worden sein, so daß er gleichzeitig als Agent für die Zone arbeitete. Schulz, der seit 1957 in Dörrebach (Kreis Kreuznach) ansässig ist, muß sich seit gestern vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe wegen Landesverrats verantworten.

Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, von Juni 1953 bis Ende Juli 1954 einem Mitarbeiter des sowjetzonalen Staatssekretariats für Staatssicherheit in Magdeburg das gesamte Wissen preisgegeben zu haben, ?das er als geheimer Mitarbeiter eines Abwehrdienstes der

Bundesrepublik gewonnen" hatte. Schwerwiegender noch ist die Beschuldigung, daß Schulz dem Staatssicherheitsdienst am 17. Juli 1954 seinen "westlichen Führungsmann" Bauer zuspielte.

Der Anklage zufolge lockte Schulz den Mann vom Verfassungsschutz, der in seinem Dienstwagen geheime Unterlagen mitbrachte, unmittelbar an die Zonengrenze hei Eckertal bei Harzburg, wo sich mehrere Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes versteckt hielten. Bauer wurde niedergeschlagen, in die Zone verschleppt und zu lebenslänglich Zuchthaus verurteilt. Ende 1965 wurde Bauer jedoch im Rahmen einer Austauschaktion in die Bundesrepublik entlassen.

Mit dieser vorzeitigen Entlassung hatte Schulz offenbar nicht gerechnet. Er hatte sich im Herbst 1957 In die Bundesrepublik abgesetzt, wo er im Mai vergangenen Jahres verhaftet wurde.

Am gestrigen ersten Vernehmungstag trat Schulz erstaunlich selbstsicher auf, obwohl er sich immer wieder in Widersprüche verwickelte. Offenbar war es dem Doppelagenten nie schwergefallen, seine Dienste ? notfalls mit "frisierten" Papieren ? skrupellos beiden Seiten anzubieten. So war der damals in der Zone Ansässige, obwohl höheres SED-Mitglied, schon bald mit westlichen Abwehrstellen in Verbindung getreten.

Zunächst hatte Schulz, gegen einen Lohn von jeweils 200 DM, westdeutsche Dünndruckzeitungen in der Zone verteilt. Dann hatte er sich von dem später von ihm selbst verratenen westlichen "Führungsmann" Bauer anwerben lassen und ihm Nachrichten über die Stationierung vpn Zonen-Truppen und Volkspolizei geliefert. Auf offenen Postkarten, auf denen eine "Tante Paula" oder "Tante Karla" als harmlose Absenderin angegeben war, wurden die geheimen Treffs zwischen Schulz und Bauer vereinbart.

Schulz erklärte gestern in der Verhandlung, erst nachdem ihn Beauftragte des Staatssekretariats für Staatssicherheit in Magdeburg brutal zusammengeschlagen hätten, habe er für die Zone gearbeitet. Während er geschlagen worden sei, habe er Wodka und "andere scharfe Sachen" trinken müssen. Schließlich hätten ihm die "Genossen" mit der Todesstrafe wegen Spionage und mit der Deportierung seiner Familie gedroht. Von der Entführung Bauers habe er nichts gewußt Ihm sei lediglich gesagt worden, mit Bauer solle ein "Kontaktgespräch" geführt werden.

Vom Gericht wurde dieser Darstellung aber offenbar kein Glauben geschenkt. Heute wird der verschleppte Friedrich Karl Bauer als erster Zeuge gehört.

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