Hamburger Ausstellungen: Franzosen, Amerikaner und ein Barmbeker

Die guten und phantastischen Dinge

Zwei französische Maler, höchst unterschiedlich nach Temperament, Herkunft und Stil, haben gleichzeitig in Hamburg Premiere: Roland Bierge in der Galerie Helmut von der Höh an den Großen Bleichen und Rene Metayer in der Kleinen Galerie Bücherhalle Altona. Das Amerika-Haus bietet Grafikfreunden Reizvolles. Phantastischen Realismus gibt es auch in Barmbek.

Bierge lebt in Paris, sein Name ist weithin bekannt geworden, als er 1964 in ,der Pariser Oper die von Chagall entworfene Decke ausführte. Ein ungewöhnlich kultivierter Maler, der das Formenrepertoire von Cezanne bis Braque (in den Stilleben mit der Teekanne) sicher beherrscht und dem in seinen Landschaftsmotiven ("Panorama von Avignon") eindrucksvolle und originelle Lösungen gelingen. Man bewundert die leichte Hand, die Eleganz des Vortrags, die sehr helle Palette, den problemlosen, auf Heiterkeit gestimmten Klang seiner Bilder und der künstlerisch gleichwertigen grafischen Blätter. (Bis 29.- April.) ?

Dagegen Rene Metayer: ein Naturtalent, ein dreißigjähriger provenzalischer Bauer, der abwechselnd auf dem Hof seines Vaters und seines Schwiegervaters arbeitet und sich zwischendurch, um den schmalen Erlös aus der Landarbeit aufzubessern, (als Dorf musiker betätigt. Gertrud Seydelmann, die schon manch junges deutsches Talent entdeckt hat, hatte zufällig eines seiner Bilder gesehen und fahndete nach dem Maler, bis sie ihn in seinem Dorf gefunden hatte. Sie hat die Hamburger Ausstellung organisiert. In ihrer Eröffnungsansprache rühmte sie die "elementare Unschuld", mit der Metayer der Natur, der provenzalischen Landschaft gegen- übersteht. Auch in den starkfarbigen Stilleben spürt man die naive Freude an den guten Dingen des Lebens. Ich würde allerdings seinen Zeichnungen den Vorzug geben, die mit seltsam krausem kurvendem Strich Gebirgsformen, Vegetation und Menschen in ein üppig wogendes Lineament einbeziehen. (Bis 12. Mai.)

Der phantastische Realismus ist kein Privileg der Wiener Schule. Er blüht auch in Barmbek, in der Galerie am Lessingtheater (Volksheim Marschnerstra- ße), wo der 23jährige Hamburger Maler Michael Winneke debütiert. Winneke war Schüler von Mahlmann und Mavignier, er ist seinen Lehrern und ihrem konstruktivistischen Dogma entlaufen und hat sich ins entgegengesetzte Lager geschlagen. Dr. Werner Luft, der die Ausstellung eröffnete, sprach angesichts der rasanten Fülle seiner Bildeinfälle von der "fröhlichen Illusion des Unerschöpflichen". Da findet man ein Insekt, das ein Verkehrsschild liest. Eine surreal wuchernde Flora wird als "Vielleicht unter Wasser" tituliert. Spontaneität ist im Überfluß vorhanden. Künstlerische Disziplin als ein notwendiges Korrelat ist eine Erfahrung, die dem phantasievollen Maler noch bevorsteht. (Bis 30. April.)

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Das Amerika-Haus bietet eine Delikatesse für Grafikfreunde: "Amerikanische Druckgrafik der fünfziger Jahre". Es ist die Zeit, in der überall in den Staaten an Kunstschulen und Universitäten Druckwerkstätten eingerichtet werden und die amerikanischen Künstler die Grafik mit allen ihren technischen Möglichkeiten als eigenständiges künstlerisches Medium entdecken. Unbegrenzt ist die Lust am grafischen und stilistischen Experiment. Man sieht unter den dreißig Blättern abstrakte Farbexplosionen, surreale Träumereien, sozialpsychologische Studien. Im ganzen eine Phase der Vorbereitung, der Durchbruch gelingt der amerikanischen Grafik erst Anfang der sechziger Jahre mit Rauschenberg, Lichtenstein und der von ihnen inspirierten Pop Art. (Bis Ende April.) Gottfried sello

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