Ritualmord in der Schweiz / Neun Verhaftungen

In religiösem Wahn zu Tode geprügelt

Eigener Bericht

hl. Zürich, 21. Mai

Für die schweizerischen Untersuchungsbehörden besteht kaum noch ein Zweifel daran, daß die 17jährige Bernadette Hasler aus Hellikon (Kanton Aargau) das Opfer eines scheußlichen Ritualmordes geworden ist. Nach einer Reihe mittelalterlicher Torturen zur "Teufelsaustreibung" hat sie in einem Fünf-Zimmer-Chalet in Ringwil bei Zürich ihr Leben ausgehaucht.

Ihre Folterknechte an diesem Schweizer Sitz der sektiererischen "Internationalen Familiengemeinschaft zur Förderung des Friedens" waren in erster Linie der 60jährige Sekten- Vater und exkommunizierte deutsche Pallotiner- Pater Josef Stocker aus Buchheim bei Freiburg, seine 52jährige Geliebte und Sekten-"Mutter" Maria Magdalena Kohler und die treuen Anhänger Heinrich, Hans, Paul und Frau Myrta Barmettier aus Wangen bei Ölten. Mit der "Teufelsaustreibung" einverstanden waren auf jeden Fall aber auch Bernadettes Eltern, der 41 Jahre alte Josef Theodor und seine zwei Jahre jüngere Frau Leni Hasler aus Hellikon. Handlangerdienste leistete dabei Chalet-Besitzer und Sektenmitglied Emil Bettio aus Rüti. Alle neun wurden verhaftet und sollen unter Anklage gestellt werden.

"Pater" Stocker und seine Freundin wurden seit 1958 von Interpol wegen betrügerischer Machenschaften zugunsten der "Arche Noah" in Singen (das Haus Erzbergerstraße 23 sollte zum Überleben des für 1957 vorausgesagten Weltunterganges aus Spendenmitteln ausgebaut werden) gesucht.

Vater Josef Hasler war Präsident der vor Jahren am Oberrhein entstandenen Sekte und übergab seine angeblich störrische Tochter dem Teufelsaustreiber Stocker. Die Notwendigkeit einer besonderen Kur dürften ihm die "Pflegeeltern" Roller in Singen nahegelegt haben. Sie pflegen inzwischen Bernadettes 15jährige Schwester Magdalena und neuerdings auch die elfjährige Beatrix weiter. Die Kleine wurde aufgenommen, als Bernadette am "Weißen Sonntag" nach Ringwil "in die Ferien" ging.

Nach Feststellungen der Kantonspolizei und der Gerichtsbehörden bestanden diese Ferien aus strengsten Mägde-Diensten. Weil das Mädchen "unsittliche Redensarten" führte, wurde

es eingeschlossen. Nach ihren eigenen Worten überfiel "Vater" Stocker und "Mutter" Maria Magdalena sowie die Brüder Barmettier oft "heiliger gerechter Zorn", worauf sie das Mädchen züchtigten. Die Werkzeuge waren Peitsche, Plastikrohr, Spazierstock und andere Instrumente. Großvater Oskar erklärte, sein Sohn habe ihm erzählt, daß Bernadette für die Züchtigungen ans Bett geschnallt wurde. Die Wunden am Körper des Mädchens lassen den Schluß zu, daß es dafür auch entkleidet wurde. Bei Kerzenschein und Sekt (das gehört zum Ritual) stürzten sich sodann die Peiniger mit Stöcken und Reitpeitschen auf ihr Opfer.

Die letzte Züchtigung hat das Mädchen nach Ansicht der Polizei und des Untersuchungsrichters am vergangenen Sonnabend von drei bis fünf Personen erlitten. Der "Pater" und seine Helfer bestreiten zwar immer noch, den Tod des Mädchens herbeigeführt zu haben, doch darauf wird die Obduktion der Leiche möglicherweise eine eindeutige Antwort geben.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.