Ein Jahr der großen Extreme / Meteorologen: Viel zu regenreich

1965 wurde pausenlos über das Wetter gewettert

Hamburg, 31. Dezember Das Jahr 1965 war ein riesengroßer Reinfall. Jedenfalls meteorologisch gesehen. Petrus lieferte erbärmliches Wetter. Man konnte eigentlich immer über das Wetter wettern. Millionen Urlauber haben das auch mit Inbrunst getan. Ihre Sommerferien waren nämlich ein naßkalter Reinfall. Die Meteorologen hingegen versuchen, die Wogen der wetterbedingten Empörung zu glätten: So abgrundtief schlecht sei 1965 nun doch nicht gewesen. Die professionellen Wetterbeobachter haben sogar recht. Alle 365 Tage mit ihren kalten, nassen, sonnigen oder sonstigen Akzenten zusammenaddiert und dann mit einem ganz mittelmäßigen Jahr verglichen ? das ergibt tatsächlich keinen Anlaß, Petrus abzusetzen. 1965 war, im Extrakt gesprochen, etwas zu kalt, erheblich zu sonnenarm und viel zu regenreich.

Trotzdem war 1965 ein ganz unbeständiger Bursche. Die Meteorologen drükken das wissenschaftlich aus: Die Großwetterlage wechselte ständig. 1965 fiel das Wetter pausenlos von einem Extrem ins andere. Dauerregen folgte auf tagelange Trockenheit. Frostige Nächte lösten laue Nächte ab. Gewaltige Schneemengen deckten die Hamburger im Herbst ein. während man im Februar Sonnenbaden konnte. Und im Hochsommer liefen die himmlischen Schleusen leer.

Diese Unbeständigkeit wird geradezu plastisch, wenn man ? also objektiver Nicht-Urlauber natürlich! ? die einzelnen Monate unter die Lupe nimmt. Das sieht für Hamburg so aus:

Januar. Viel zuviel Regen, nämlich 137 Prozent. Dafür aber 2,3 Grad warmer als das Soll es vorschreibt. Die Sonne schaffte nur ganze 17 Stunden. Das sind 38 Prozent vom Soll. Am 6. schrieb das Hamburger Abendblatt: ..Bisher kein Gramm Schnee. Der Winter schlägt einen Bogen um Hamburg. In der Stadt ist es wärmer als in der Sahara." Aber am 26.: ..Der Winter macht wohl jetzt auch bei uns Ernst . . ."

Februar. Trockener als der Monat sein sollte: Nur 72 Prozent Nässe. Allerdings 0.5 Grad zu kalt. Die Sonne übertraf sich selbst mit 134 Prozent. Das Hamburger Abendblatt am 8.: ..Erster Vorfrühlingshauch über Hamburg.' Am 11 ? Längere Kälteperioden in diesem Winter nicht mehr zu erwarten!" Am 16 ' Eisärmster Winter seit 1900." Und am 27.: Enttäuschung in Schlagzeilen: ..Nun wird es doch noch Winter!" März Der Monat brachte nur 53 Prozent seines Soll-Regens. Und er war um 0.2 Grad zu kalt. Die Sonne: Ein kleines Übersoll von 105 Prozent. Am 1. schrieb das Hamburger Abendblatt: Viele Dörfer Norddcutschlands durch Schneeverwehungen abgeschnitten." Am ") ? Schnee-Großalarm in Hamburg. Am 9- ..Die Macht des Winters gebrochen!" Und am 15.: "Das Wetter spielt verrückt ? riesige Temperatursprunge. Die Stare sind schon da." (Kein Aprilscherz!)

April Mit 129 Prozent zuviel Nässe von oben, außerdem 0.2 Grad zu kalt. Uie Sonne ließ sich mit 60 Prozent viel xuweniü blicken. Das Hamburger Abendblatt am 1.: ..Schon Frühlmgswettcr"' Dafür aber am 28.: ..Der April hat sich bei uns aufgeführt wie ein echter April ? unbeständig und naßkalt. "Mai. Der Monat war alles andere als maienhaft: Regen 156 Prozent. 0.9 Grad /u kalt und nur 80 Prozent Sonne. Das Hamburger Abendblatt war zu Monatsbeginn sehr optimistisch, nämlich am .',.. IMc ersten Sonnenbrände bei den Aus- '4"lcrn'" Am 10.: ..Orkan tobt über Von unserem Redaktionsmitglied Egbert A. Hoffmann Hamburg." Und am 14.: ..Die Eisheiligen sind pünktlich ? es gibt Kälte!"

Juni. Dieser Monat war eigentlich von allen Monaten der ausgeglichenste: 81 Prozent Regen, weder zu kalt noch zu warm. 99 Prozent Sonne. Am 14. meldet das Hamburger Abendblatt "Hamburg trockenste Stadt Mitteleuropas. In 14 Tagen nur 0.4 Liter Regen. In München aber 193 Liter." Dieses Minus an Feuchtigkeit glich Petrus dann später aber noch aus.

Juli. Der Monat schwamm weg: 210 Prozent Regen (die armen Urlauber!). Außerdem 2,5 Grad zu kalt (die armen

Urlauber!). Und nur 76 Prozent Sonne (die schrecklich armen Urlauber!). Das Hamburger Abendblatt am 5.: "Überall nur Kälte!" Am 7.: "Wo bleibt bloß der Sommer?" Am 8.: "Verzweiflung bei den Kurgästen." Am 9.: "Regen und Kälte ? in Hamburg wird geheizt." Am 10.: "Schulen haben kältefrei!" Dann aber am 13.: "Wetterumschwung in Sicht!" Jedoch am 28.: "Das Wetter ist zum Heulen!"

August. Nur 74 Prozent Regen, aber 1.2 Grad zu kalt. Als Ausgleich 124 Prozent Sonne. Das Hamburger Abendblatt am 2.: "Der Sommer ertrinkt im Wasser. Dies ist einer der regenreichsten des Jahrhunderts." Dann am 16. endlich: Sonnentage wie im Bilderbuch." Jubelruf am 18.: "Es bleibt so schön!" Und finsteres Finale am 27.: "Orkan und Kälte."

September. Mit 179 Prozent Nässe besonders feucht. 0,6 Grad zu warm und 92 Prozent Sonne. Das Hamburger Abendblatt am 6.: "Rekordregen ? die Siele laufen über." Am 9.: "Die ersten Herbststürme." Am 20.: "Noch immer ein bißchen Hoffnung auf schönen Altweibersommer." Aber am 28.: "Es gießt Bindfäden ? 61 Liter je Quadratmeter an einem Tag!"

Oktober. Mit 51 Prozent sehr wenig Regen, 0,9 Grad zu warm und 143 Prozent Sonne. Das Hamburger Abendblatt am 25.: "Das tagelange schöne Spätherbstwetter hält an. Man sollte jetzt verreisen."

November: Zuviel Niederschlag: 117 Prozent. Aber 2.1 Grad zu kalt. 165 Prozent Sonnenübersoll. Das Hamburger Abendblatt am 12.: "Es schneit! Ein Vorgeschmack vom Winter." Am 15.: "Jetzt ist es tiefer Winter. Norddeutschland erstickt im Schnee." Am 16.: "Kein Ende des Schnees!" Am 18.: "Schwere Schneeverwehungen!" Am 22.: "Jetzt wird es erst richtig kalt: Minus 15 Grad!" Am 24.: "Schon wieder Schneegestöber." Am 25.: "Riesiges Verkehrschaos." Und am 26.: "Jeder Schneetag kostet Hamburg 100 000 Mark!"

Dezember. Der Monat übertraf alles bisher Dagewesene an Regen: 300 Prozent! Außerdem 1,7 Grad zu warm aber nur 65 Prozent Sonne. Das Hamburger Abendblatt am 10.: "30 Stunden Orkan." Und am 23.: "Keine Chancen für weiße Weihnachten."

- Das war es also ? das Jahr 1965. Ein Jahr ständiger meteorologischer Seitensprünge. Keine langen Schönwetterperioden, ein frostiger Sommer, ein schöner Herbst, ein schneereicher Spätherbst. Im übrigen jagte ein Tief das andere. Und noch etwas: Das Jahr hatte viel zuwenig Nebeltage. Auch ein Trost, nicht wahr?