Ein Nachruf auf das "theater 53" / Schmerzlicher Verlust für Hamburg

Kein Platz für Bühnenexperimente?

Am letzten Tage dieses Jahres wird Karl-Ulrich Meves um 18 Uhr in den "Tausend Clowns" Abschied von seinem "theater 53" nehmen und um 21 Uhr bei Peter Ahrweiler das Faktotum in "Charles neue Tante" spielen, damit das Hamburger Theaterpublikum gut ins neue Jahr hineinkommt. Der Avantgardist wechselt am Silvesterabend vom Absurden zum Musical. Auch er will leben. Sein kleines Theater konnte es nicht: es muß. ? wie wir gestern bereits gemeldet haben ? nach zwölf Jahren

die Kellerpforten schließen.

Das "theater 53" war zu klein und die Kosten zu hoch, um es dort noch länger am Leben zu halten. Um die Absurdität voll zu machen: Es hätte weiter leben können, wenn es nur doppelt so groß, etwas günstiger gelegen und finanziell etwas besser gepolstert gewesen wäre. Das ist nicht nur absurd, sondern nahezu tragisch. ß^,jjon bleibt in Hamburgs Theatenftatwrn ein großes Loch zurück, in das sich nach Meves' ehrenvollem Afftga^g, -wohl niemand mehr stürzen wird, um es zu schließen: Das experimentelle Theater hat ? so muß man befürchten ? keinen Ort mehr in dieser Stadt.

Diesen Verlust wird man erst bemerken und bewerten, wenn er eingetreten ist, im neuen Jahre also und zu spät. Dann wird es auch zu spät sein, um zu bedauern, daß die Kraft der Hamburger Kultur- und Theaterpolitik wie auch des interessierten Publikums nicht ausreichte, ein avantgardistisches Theater am Leben zu erhalten, nicht nur am Vegetieren.

Mit 129 Zuschauerplätzen in seinem Landwehrkeller konnte Meves selbst ausgesprochene Publikumserfolge nicht so ausschöpfen, daß die Bilanz auch nur einer Aufführung stimmte. Seine Versuche, sich im Umkreis der Universität neu anzusiedeln, sind fehlgeschlagen. Sein Notschrei vom vorigen Jahre "Will Hamburg uns wirklich haben?" blieb ohne Antwort.

Das "theater 53" ist niemals aus seinen unwürdigen Gefängnissen befreit worden. Sein Gründer Markus Scholz siedelte es in dem ehemaligen Luftschutzbunker am Rothenbaum an, sein Nachfolger Meves (seit 1956) topfte es 1959 in einen Privatkeller an der Landwehr um. In den Zeiten der Theaterprovisorien mochte das noch angehen und atmosphärische Reize ausüben, seither nicht mehr, also lange nicht mehr.

Um so mehr zu bewundern ist das, was in diesen Katakomben des Untergrundtheaters über viele Jahre hinweg geleistet worden ist. Und mit welchen Schwierigkeiten, deren Meves nun müde geworden ist. Das Theaterchen brachte den ersten Ionesco ("Unterrichtsstunde"), den ersten Genet ("Zofen"), den ersten Peter Weiss ("Nacht mit Gästen"), den ersten Waldmann ("Blauer Elefant"), den einzigen Boris Vian ("Die Reichsgründer oder Das Schmürz"), und den verdrängtesten Brecht ("Furcht und Elend des Dritten Reichs") vor die Augen der Hamburger. Dazu alles an Absurdität, Avantgardismus und Experiment, was kein anderes Theater in Hamburg zu zeigen wagte, rund siebzig Stücke in zwölf Jahren. Das ist eine Strecke, die sich sehen lassen kann, in der Rückschau eine Gewinnliste für Hamburg. In Zukunft werden wir es auf einer Verlustliste abzubuchen haben. wmh

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.