Endlich unter einem Dach

Im Rathaus wurde der "Hamburger Verkehrsverbund" (HW) beschlossen ? im wesentlichen ein Verbund zwischen Hochbahn und Bundesbahn. Über fünf Jahre lang haben sich die Partner buchstäblich zusammengerauft. Was dabei heute schließlich herausgekommen ist, dürfte alles andere als eine Liebeshochzeit sein. Sämtliche Beteiligten halten ihre jetzt endlich unterzeichnete Gemeinsamkeit bestenfalls für eine Vernunftehe: man hat sich zusammengefunden, weil man erkannte, daß unterschiedliche lnteres-sen der einzelnen Verkehrsunternehmen nur zu Lasten der Fahrgäste gingen.

Die Erkenntnis, Bundesbahn, Hochbahn, Hadag und VHH könnten unter einem einzigen Dach den Hamburgern wesentlich mehr als heute bieten, hat die Partner des Verbundes immer wieder an den Verhandlungstisch getrieben. Aber oft genug landeten die Gespräche in Sackgassen ? man zerredete das gemeinsame Ziel und trennte sich

ohne Beschluß. In diesen, wie es schien, hoffnungslosen Venhandlungsphasen war es Börgermeister Engelhard, der meistens das Startloch für einen neuen Beginn grub. Dies Verdienst macht ihm niemand streitig. ,

Es stimmt, was heute vormittag mit Nachdruck im Rathaus unterstrichen wurde: Der Hamburger Verkehrsverbund ist ohne Beispiel in der Welt. Der angestrebte Einheitsfahrschein erscheint nur von untergeordneter Bedeutung. Wichtiger ist schon, daß man künftig mit einer einzigen Zeitkarte alle Verkehrsmittel benutzen darf. Die größte Bedeutung hat der Verbund jedoch für die Verkehrsplanung.

Es wird der Hochbahn künftig nicht mehr gestattet sein, Buslinien nur noch auf Stationen ihrer U-Bahn auszurichten ? wenn der Weg zum nächsten S- Bahnhof viel näher wäre. Die Hochbahn, kann jetzt auch nicht mehr neue U-Bahn- Strecken für Stadtteile fordern, die bereits von der S-Bahn gut bedient werden. Andererseits wird die S-Bahn in absehbarer Zeit endlich ihre eigene Linie quer durch die Innenstadt nach Altona haben. Eine sechs Kilometer lange Tunnelstrecke, die das leistungsfähigste Nahverkehrsmittel, das Hamburg besitzt, um einiges aufwerten dürfte. Mit anderen Worten: die bisherigen Konkurrenten ? heute die Partner der Vernunftehe ? können jetzt nicht mehr, wie sie es bislang so gern versuchten, für sich die Rosinen aus dem Verkehrs-Kuchen fischen. Zwangsläufig wird diese Rationalisierung die Verkehrsströme in ganz Hamburg beeinflussen, vermutlich sogar stark verändern.

Dennoch sollte man keine übersteigerten Hoffnungen auf den Verkehrsverbund setzen. Denn er ist, wie gesagt, ein mehr oder weniger zwangsweiser Zusammenschluß. Es dürfte so gut wie sicher sein, daß um gemeinsam zu fassende Beschlüsse weiterhin zäh und zeitraubend gerungen werden wird. Das trifft in erster Linie auf den Einheitstarif zu, der jetzt erst erarbeitet werden soll. Leider müssen sich die Hamburger darauf einstellen, daß der Einheitsfahrschein keine Verbilligung gegenüber den heutigen Fahrpreisen bringt. Das ist der Wermutstropfen im Kelch der Freude über diese endlich doch noch geglückte Ehe. hn

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