Anouilhs "Der arme Bitos oder Das Diner der Köpfe" zum erstenmal in Hamburg

Die Gerechtigkeit der Schwachen

Anouilh ist ebenso fruchtbar wie glänzend. Im Thalia ist noch "Die Lerche" zu sehen. In den Kammerspielen zeigt man jetzt zum erstenmal den ganz anders gearteten "Armen Bitos". Das Stück gehört zum Nachholbedarf für Hamburg.

Sein Nebentitel "Das Diner der Köpfe" läßt Schlimmes ahnen, weil Köpfe in Frankreich ? ? zeitweilig auch anderswo ? zu den rollenden Gegenständen gehört haben. Hier versammeln sie sich noch einmal bei Tische und Trunk und grausamem Spiel, um einen der Blutsäufer der Gerechtigkeit öffentlich hinzurichten, sei es nun Bitos oder Robespierre. In dem Stück sind sie identisch.

Herr Bitos ist einer jener offenbar wenig geschätzten Staatsanwälte im Nachkriegsfrankreich, welche die Kollaborateure aus der Besatzungszeit ? die NichtWiderstandskämpfer ? unnachsichtig verfolgt und mitleidlos einer fragwürdigen Gerechtigkeit überantwortet haben. Ein Mann, der keine Freunde hat. Seine Feinde locken ihn in den historischen Hinterhalt einer kostümierten Party, in der jeder Gast sich mit einer bekannten Gestalt aus der französischen Revolution identifiziert: Bitos mit Robespierre, dem Unbestechlichen und Tugendhaften, der die Beziehung zwischen dem zur Macht gekommenen Kleinbürger, Lebensfeind und Gerechtigkeitsfanatiker und dem Automatismus der Guillotine herstellt. Nicht leben und leben lassen ist sein Grundsatz, sondern töten und töten lassen. Um eines Reinheits-Prinzips willen rottet er Frankreich aus. Aus der Geschichte weiß man, daß er um dieses Prinzips willen schließlich selbst seinen Kopf hergeben mußte.

In diesem makabren Maskenspiel der zwölf Party-Geschworenen kann man kaum noch unterscheiden, ob Staatsanwalt Bitos oder Kopfabschneider Robespierre der Angeklagte und von der mittelmäßigen Meute grausam Gehetzte ist. Der Uneigennützige hält sich in seiner Bedrängnis wacker bis komisch. Er wird schließlich als einer jener Bedauernswerten entlarvt, die von der Angst getrieben werden: Angst vor dem Volk,

den Frauen und dem Leben. Das läuft auf eine deutliche Warnung hinaus, den Lebensuntüchtigen jemals Macht zu verleihen.

Wir möchten das mit der Geschichte wie mit den Unfällen Frankreichs so sehr verzahnte doppelbödige Vexierspiel Anouilhs trotz seiner Sprachbrillanz nicht zu seinen stärksten, wohl aber zu seinen geistig anspruchsvollsten Stücken rechnen. Es setzt zum Beispiel voraus, daß Namen wie Robespierre, Danton, Mirabeau, Saint-Juste, Desmoulins ? alles Personen, die auftreten ? geschichtliche Begriffe sind, von den dazu geordneten Damen ganz zu schweigen. Das Stück erwartet auch viel von der Darstellung, es ist ein Schauspielerstück.

Die von Walter Jokisch besorgte Erstinszenierung in den Hamburger Kammerspielen hat unter allen Umständen das Verdienst, uns mit diesem nachzuholenden Anouilh bekannt zu machen. In den auch räumlich beengten Verhältnissen dieser Bühne ? Karl-Hermann Joksch konnte das Szenenbild nicht ganz befriedigend unterbringen ? ist eine sehr achtbare Aufführung zustande gekommen, die einem engagierten Ensemble zu verdanken ist.

Drei schauspielerische Gruppen heben sich dabei heraus: der schwierig zu spielende und tragikomisches Profil gewinnende Doppelpart Bitos-Robespierre Günther Jerschkes und sein Gastgeber Maxime-Saint Just Gerhard Friedrichs. Sodann die Gruppe Andrea Grosske (Lucile), Ernst Lothar (Mirabeau) und Reinhold Nietschmann (Tallien). Und schließlich auch Raymond Joob als Danton, Jürgen Schmidt als Desmoulins, Fabian Wander als Pater und die geschmeidigen Damen Ursula Graeff und Katharina Mayberg als Therese und Marie- Antoinette. Es gab gestern einen schönen Premierenerfolg. WALTER M. HERRMANN

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