Wettlauf mit dem Verkehr

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Die Sorge um Lohn und Brot ist für den Großstadtmenschen etwas in den Hintergrund gerückt. Das Probtem, einigermaßen bequem in vertretbarer Zeit und vor allem pünktlich ins Büro zu kommen, bewegt die Heeresmassen der Beschäftigten ? in Hamburgs Innenstadt allein rund 220 000 ? wahrscheinlich viel stärker als alles andere. Werde ich heute in der U-Bahn einen Sitzplatz finden, wrrdder Bus mich mitnehmen oder werde ich mit dem Auto durchkommen ? das ist der Schuh, der jeden drückt. Hier hat sich politischer Zündstoff angesammelt, von dessen Brisanz die Politiker offenbar noch wenig ahnen.

Nun hat jedoch das Verkehrschaos in den Städten den Bundestag mobil gemacht. Bonn soll mehr als bisher dazu beitragen, den Städten aus ihren Verkehrsproblemen herauszuhelfen. Wie das geschehen soll, darüber gehen die Meinungen freilich nicht erst seit heute auseinander.

Zuallererst fehlt Geld. Den Löwenanteil des Steueraufkommens aus dem Kraftverkehr schluckt der Bund. Er baut damit das Fernstraßennetz aus, eine Aufgabe, deren Dringlichkeit niemand bezweifelt. Ein Teil der aufgebrachten Mittel jedoch wird für andere Zwecke verwendet, und an diesem Punkt haken Städte und Gemeinden schon seit langem ein. Ohne Zweifel ? man sollte ihnen endlich aus dem gemeinsamen Topf denjenigen Anteil überlassen, der ihnen auf Grund der Zahlungen ihrer kraftfahrenden Bürger zusteht Allein werden die Städte mit ihren Verkehrssorgen nicht mehr fertig.

Sodann müssen die Städte selbst mehr als bisher den Worten Taten folgen lassen. Die ewigen Versprechungen von Verkehrsmitteln, die attraktiver werden sollen und in Wahrheit immer weniger bieten, müssen eingelöst werden. Wir brauchen mehr Busse, mehr Binnen, dichtere Zugfolge, engmaschigere Streckennetze und vor allem eine Tarifgemeinschaft, um mit dem gleichen Fahrschein alle Verkehrsmittel benutzen zu können. Jahrelang hat man in Hamburg um diese Frage Tau gezogen, ehe man einer Lösung näherkam. Der Straßenbau allein wird es nämlich nicht schaffen. Nicht nur, daß die Autolawine ihn im Tempo hoffnungslos überrollt, wo ist der Platz, um in dter Großstadt noch Straßenraum bereitzustellen? Man wird durch die zweite Ebene also Hochstraßen, mit Durchbruchstra- ßen und schließlich auch mit Hilfe der Stadtautobahn manchen Engpaß beseitigen, aber der Strom der Privatautos wird sich von der einen Lücke auf die andere verlagern ? wir haben es ja bereits erlebt.

A uch die Bereitstellung weiterer Parkplätze in der Innenstadt wird, so bitter es für den einzelnen ist, die Probleme des Berufsverkehrs eher verschärfen als erleichtern. Es werden nur noch mehr Autos ins Zentrum gesogen als bisher. Der Sättigungspunkt ist in allen Großstädten wahrscheinlich schon bald erreicht.

Nachhaltige Entlastung der Städte ist nur zu erwarten, wenn man den Bau moderner Schnellbahnen energisch vorantreibt. Zum Glück hat Hamburg schon vor Jahren hier mit dem U-Bahn- Bau den Anfang gemacht. Jetzt kommt es darauf an, im Wettlauf mit der Motorisierung die Position zu halten.

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