Staatsanwalt schloß Akten über den Fall Manuela St

Zweijährige ist Streitobjekt der Wissenschaftler

Eigener Bericht

Hildesheim, 31. Dezember

Die angeblich kurz nach ihrer Geburt in einem Hildesheimer Krankenhaus vertauschte zweijährige Berlinerin Manuela St. ist zum heftig umstrittenen Objekt wissenschaftlicher Auseinandersetzungen geworden. Nachdem ? wie berichtet ? Aber ihre mögliche Herkunft zwei sich widersprechende Gutachten abgegeben worden sind, hat das Kreisgesundheitsamt Hildesheim jetzt das Bundesgesundheitsamt aufgefordert, die bisher Aber Manuela erstellten Gutachten von Amts wegen zu überprüfen. Vermutlich wird die Bundesbehörde

einen Obergutachter damit beauftragen, die Tragödie um Manuela zu klären.

Die von ihrer damals 18jährigen Mutter Felicitas St. aus Berlin am 10. Oktober 1961 im St.-Bernward-Krankenhaus in Hildesheim unehelich geborene Manuela war nach einem von dem Berliner Professor Dr. Clauenberg in einem Vaterschaftsprozeß erstatteten Gutachten in ednen Wirbel von Zweifel und Irrungen geraten.. Das jetzt bei seiner Großmuter in Berlin-West lebende kleine schwarzlockige Mädchen sollte danach auf keinen Fall das Kind seiner Mutter

Bei der mit der Aufklärung eines vermutlichen Kindertausches beschäftigten Staatsanwaltschaft in Hildesheim hatten sich daraufhin zwölf Mütter gemeldet, die sich im Besitz eines falschen Kindes glaubten. Nachdem der im Auftrag des Staateanwalts tätig gewordene Hamburger Gutachter Dr. A.Lauer feststellte, daß Professor Dr. Clauenberg sich geirrt haben müßte und nach eingehenden Untersuchungen erklärte, Manuela sei das Kind von Felicitas St., schloß Oberstaatsanwalt Dr. Topf in Hildesheim die Akten des Falles Manuela St. "Für uns ist dieser Fall erledigt", sagte er dem Hamburger Abendblatt. "Eine Kindesunterschiebung, um die wir uns zu bekümmern hatten, liegt nicht vor. Alles andere ist nun eine Angelegenheit der Wissenschaftler".

Mehrere Mütter, die bis zuletzt geglaubt hatten, daß die falsche Manuela in Berlin ihr Kind sei und sie selbst ein nicht zu ihnen gehöriges Baby in den Armen hielten;- haben inzwischen Gewißheit erhalten. Der Hildesheimer Sachverständige für Blutgruppenuntersuchungen, Dr. med. Hans Groß, hat bei den in bescheidenen Verhältnissen lebenden Familien kostenlos Blutgruppenuntersuchungen vorgenommen und festgestellt, daß die Mütter keinesfalls, wie sie befürchteten, in der Geburtsklinik falsche Babys erhalten haben. Sie sind im Besitz der ihnen zukommenden echten Kinder.

Zugleich aber hat Dr. Groß, ein anerkannter Experte auf dem Gebiet der Blutgruppenuntersuchungen, festgestellt, daß nach seiner Ansicht die Untersuchungen von Professor Clauenberg keinen Fehler aufweisen. Das auf sie gestützte Gutachten bestünde also zu Recht. Demnach wäre aber Manuela St. tatsächlich ein vertauschtes Kind. Auch Professor Clauenberg in Berlin besteht darauf, daß sein erstes Gutachten der Sachlage entspricht. Eine zweite bei Felicitas und Manuela St. durchgeführte Blutgruppenuntersuchung hat sein erstes Ergebnis bestätigt.

Jetzt soll das Bundesgesundheitsamt die erneut aufgetauchten Zweifel an der Echtheit der kleinen Manuela klären. Großmutter St. aber hat schon .erklärt, daß sie nicht daran denke, ihre "Enkelin" wiederherzugeben, ganz gleich, wie die Wissenschaftler über deren Echtheit auch in Zukunft entscheiden werden.