Zwischen Moral und Schwäche

Die Parabel vom Mädchen ShenTe

Thalia-Theater probt "Der gute Mensch von Sezuan"

Im Thalia-Theater riecht es nach harter Arbeit. Selten wurde eine Aufführung so intensiv vorbereitet. Mit geradezu verbissenem Eifer, mit einem ungewöhnlich großen Aufwand an Zeit, Energie und Spielern wird geprobt und geändert, geändert und geprobt. Noch knapp zwei Wochen, dann ist es geschafft. Am 9. September hebt sich der Vorhang zur Premiere von ?Der gute

Mensch von Sezuan" von Bert Brecht.

Natürlich störten wir. Aber man ist Immer guten Willens am Gerhart- Hauptmann-Platz, auch wenn der Kopf raucht. So saßen wir denn mucksmäuschenstill im verdunkelten Parkett und sahen die ersten Szenen vorüberziehen. Vor dem rohgezimmerten Bühnenbild von Fritz Brauer ? mal eine halbzerfallene Hütte ? mal ein verwahrloster Tabakladen.

Wir sahen die Parabel von dem Straßenmädchen Shen Te. das den Armen zu helfen versucht mit dem von den Göttern geschenkten Reichtum und die sich doch in den hartherzigen Shui Ta verwandeln muß, weil das Gutsein unmöglich ist in einer Welt der Armut und des Elends.

Frau Margaret Carl spielt diese Doppelrolle. Und neben ihr wirkt fast das ganze Ensemble des Thalia-Theaters mit. Von Rolf Nagel über Peter Maertens bis Heinz Klevenow, von Erich Weiher, der dieser Tage sein 50jähriges Bühnenjubiläum und seinen 70. Geburtstag feierte, bis zu Gert Niemitz, der für den verstorbenen Carl Voscherau einsprang. Unmöglich, alle zu erwähnen, die mithelfen, diesen Brecht nun zum erstenmal auf eine Hamburger Bühne zu stellen.

Natürlich gibt es auch bei diesem Brecht bittere Anklagen gegen die bestehende Ordnung, vehemente Aufforderung zu Aufruhr und Revolution. Aber der Agitator Brecht wird in den Schatten gedrängt vom Dramatiker Brecht. Dies ist vor allem, jenseits aller Gesellschaftskritik, unbändiges, pralles, blutvolles Theater, das den Menschen zeigt, wie er ist: ewig hin- und hergerissen zwischen seiner Moral und seiner Schwäche.

Ein Stück auch, geschrieben von einem gewieften Theaterpraktiker, mit prächtigen Rollen. Unerhört bühnenwirksam bis hin zu jenen einfachen Songs, gesungen nach der spröden Musik von Paul Dessau. Fritz Brauer begleitet die Lieder auf einem Klavier, das man raffinierterweise mit Reißnägeln in ein Cembalo verwandelt hat.

"Dies ist vor allem große Dichtung, fast ein Klassiker", sagt Regisseur Dieter Reible, der bei einem Umbau einige Minuten für uns Zeit hat. Wir fragen ihn nach der Art seiner Inszenierung. "Das Gleichnishafte wird betont. Aber sonst halte ich mich getreulich an das Modellbuch vom Schiffbauerdamm- Theater. Nur einige zu glatte Hinweise auf Arbeitslosigkeit und kapitalistische Kriegsrüstung wurden gestrichen."

Dramaturg Walter Ruppel fügt hinzu: "Für das Thalia-Theater ist Brecht kein Politikum, sondern zu allererst ein gro- ßer deutscher Autor. Wir haben das Ensemble und die technischen Möglichkeiten, also bringen wir ihn." HANS-JOACHIM NEUMANNP

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