ERIK VERGHochhäuser neben den alten Türmen

HAMBURG 1983

| Lesedauer: 12 Minuten

Erik Verg fragt" Stadtplaner und Behördenchefs, Verkehrs- und Wirtschaftsexperten, den Generaldirektor eines Autowerks und den Chef der Hamburger Stadtreinigung: "Wie wird es 198S in Hamburg aussehen?" Die Fachleute antworteten nicht immer gern. Wer will es ihnen verdenken, daß ihre Phantasie manchmal nur bis 1970 reichte, weil nie-

Das ist meine letzte Reportage. Ich bin jetzt 63 Jahre alt und habe keine Lust mehr, die Welt zu durchrasen, obgleich das von Jahr zu zu Jahr einfacher und bequemer geworden ist und man beispielsweise von Hamburg nach New York per Überschallflugzeug in einem "Katzensprung" zwischen zwei Mahlzeiten kommen kann. Ich werde nur noch Bücher schreiben und dabei das beruhigende Gefühl haben, daß sie auch gelesen werden, denn viele Menschen haben jetzt wieder gelernt, was fast alle schon verlernt hatten: Zeit zu haben.

Die Bevölkerung der Erde ist 1983 auf fast fünf Milliarden Menschen angewachsen. Sie ist in einem ganz erstaunlichen Maße "verstädtert". In den USA gibt es Metropolen mit 20 Millionen Einwohnern und noch mehr. New York, San Franzisko und Los Angeles sind die größten. Sie haben ihre ganze Umgebung "aufgefressen" und jetzt einen Durchmesser von 200 Kilometern. Tokio hat 15 Millionen Einwohner, Mexiko und Saö Paulo nähern sich der Zehn-Millionen-Grenze, und selbst im alten Europa ist der Zug zur Metropolis nicht aufzuhalten. Paris hat fast neun Millionen Einwohner.

Die Stadt hat die alten Grenzen übersprungen

Die größte Stadt Europas öder, drükken wir es korrekter aus: das größte zusammenhängende Stadtgebiet hat die nationalen Grenzen von einst übersprungen und zieht sich als breiter Gürtel von Hamm bis nach Antwerpen mit südlichen Ausläufern bis Köln und Lüttich. All diese Metropolen sind zusammengeschmolzen.

Daneben aber sind in Kontinenten, wo es noch viel Platz gab, Riesenstädte entstanden, die an die Tempelstädte des Altertums, an Babylon oder Ninive, erinnern. Ein auf dem Reißbrett entstandener Kern bildet die Mitte, während die Hunderttausende oder Millionen der Einwohner in weitem Bogen um diese Wunderwerke moderner Architektur siedeln. Brasilia machte den Anfang, viele andere Städte folgten in Afrika, Asien und Lateinamerika.

Mit dieser Entwicklung in der Welt verglichen, ist Hamburg eine bescheidene Stadt geblieben. Es hat heute, im Jahre 1983, 2,87 Millionen Einwohner. Das allerdings erst, seit man dazu übergegangen ist, die ehemaligen schleswig-holsteinischen und niedersächsischen Kreise, die längst ein integraler Teil des hamburgischen Stadtgebietes geworden sind, auch offiziell als Stadtbezirke zu bezeichnen.

Es hat lange gedauert, ehe es soweit war, daß man in Kiel und Hannover zustimmte. Wären die alten politischen Grenzen erhalten geblieben, hätte Harnbürg heute fast auf den Kopf genau die gleiche Einwohnerzahl wie 1963, nämlich 1,84 Millionen.

Wir wohnen heute weniger dicht als vor zwanzig Jahren, und das heißt: Wir leben angenehmer.

In der City gibt es keine Wohnungen mehr

Ich wohne in Harvestehude. Am liebsten wäre ich in die City gezogen. Das ging aus technischen Gründen nicht. Dort gibt es so gut wie überhaupt keine Wohnungen mehr. Immerhin bin ich citynah geblieben. Ich kann das Zentrum zu Fuß erreichen.

Meistens gehe ich an der Alster entlang. Zwischen dem Harvestehuder Weg und dem Mittelweg ist ein Konsulatsviertel entstanden. Auf dem sanft ansteigenden Hang liegen nach wie vor Parks, und in ihnen die Villen der ausländischen Vertretungen. Nur zum Teil sind es noch die alten Schlößchen mit Türmen und Erkern. Die meisten wurden abgerissen und durch moderne Villen ersetzt.

Hochhäuser und Bürobauten erheben sich hier mit einem gebührenden Achtungsabstand von der Alster. Am gegenüberliegenden Ufer und am Jungfernstieg ist es natürlich anders. Da stehen alte und neue Hotel- und Büropaläste direkt an der breiten Uferstraße "An der Alster".

Neulich besuchte mich ein Freund, der seit achtzehn Jahren nicht mehr in Hamburg war. Erstaunt blieb er am Alsterufer stehen und versuchte, sich mit der Silhouette der Stadt vertraut zu machen. Sie sindvrioch alle da, die Türme von: St.Jakobi, St. Petri, Rathaus, St. Nikolai, St. Katharinen und Michel, aber man muß sie suchen. Sie beherrschen die "Skyline" nicht mehr. Aus der Neustadt strecken sich ein paar Hochhaustürme in den Himmel, so hoch, wie der Unilever-Klotz, der damals fertig wurde, als mein Freund Hamburg verließ, und ganz rechts überragt der Fernsehturm alles andere.

Manchmal biege ich bei meinem Weg in die Stadt ins Universitätsviertel ab. Es füllt das ganze Dreieck zwischen Grindelallee und Feldbrunnenstraße, mit der Basis Johnsallee und der Spitze am Dammtorbahnhof. Alle alten Häuser in diesem Dreieck sind längst verschwunden.

Die IGA-Brücken machten den Anfang

Die Innenstadt gleicht tagsüber einem wimmelnden Ameisenhaufen. Man hat die Straßenführung nicht wesentlich verändert, aber außer den neuen Verwaltungsgebäuden bestimmen Ingenieurbauten das Gesicht der City. Man kann nicht von einem "Gewirr" von Brücken und Überführungen sprechen.

mand die technische Entwicklung der nächsten Jahre voraussagen kann. Dennoch enstand der Fortsetzungsbericht: Hamburg 198 5. Jedes Wort in ihm basiert auf den wohldurchdachten Voraussagen von Fachleuten. Was hier steht, ist das wenigste, was sich in Hamburg verändern wird. Auf unbegründetes Spekulieren wurde verzichtet denn das Wort klingt nach Unordnung. In Wirklichkeit haben diese schwungvollen Bauten durchaus zur Schönheit beigetragen. Die Anfänge wurden ja schon damals, vor zwanzig Jahren, mit den Fußgängerbrücken für die "IGA 1963" gemacht.

Die alte City ist vor allem der Sitz der Stadtregierung. Wenn man diese Regierungspaläste sieht, braucht es einen nicht zu wundern, daß unsere Steuern sich in den letzten zwanzig Jahren verdoppelt haben. Aber man klagt nicht mehr darüber, als die Menschen zu allen Zeiten über Steuern geklagt haben. Man weiß, daß es unabänderlich war.

O sind der Verwaltung unzählige neue Aufgaben zugewachsen.

0 hat ein großer Teil der früher landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung in der Verwaltung (städtisch und privat) Arbeit gefunden, da die Industrie dank der wachsenden Automatisierung weniger /Arbeitskräfte braucht. O Verdienen wir alle nicht nur nominal, sondern auch an der Kaufkraft mehr als früher und müssen dafür weniger arbeiten.

Die Verwaltungsgebäude der großen Industriekonzerne und Handelshäuser liegen allerdings nur noch zum geringen Teil in der alten City. Die meisten sind in die City Nord abgewandert, und man ist gerade dabei, eine dritte City zu errichten.

Kulturelles Zentrum in der Innenstadt

Die Innenstadt hat dagegen zwei Funktionen verstärkt aufgebaut, die sie zwar schon immer hatte, die aber nicht so deutlich in Erscheinung traten. Sie ist noch viel mehr kulturelles Zentrum geworden als früher. Die großen Theater liegen hier, die Erstaufführungskinos und Filmstudios, die alte Filme zeigen, die Museen, die Konzerthallen, die Bibliotheken.

Es sind mehrere neue "Musentempel" dazugekommen, und einige von ihnen wurden von den besten Architekten der Welt als Meilensteine der Architektur des ausgehenden 20. Jahrhunderts gestaltet.

Bibliotheken, Kinos und Fernsehtheater ter gibt es natürlich auch in den anderen Bezirken. Aber in der City konzentriert sich das Beste vom Besten.

Mit den Geschäften ist es - ähnlich. Zwar haben die Warenhäuser und auch viele Einzelhandelsgeschäfte Filialen in Buchholz und Winsen und Kaltenkirchen, aber wenn man das ganz Besondere sucht, findet man es in der Innenstadt. Der Jungfernstieg und der Ballindamm, früher tot, wenn die Geschäftszeit vorüber war, sind heute Abendpromenaden geworden, die gern begangen werden, nicht zuletzt deshalb, weil man in der Innenstadt, vor allem an der Alster, noch Restaurants findet, in denen man bedient wird.

Die Bedienung ist nämlich ein Kapital für sich. Die meisten Restaurants sind längst auf Selbstbedienung übergegangen, weil es kein Personal mehr gibt. Das hat unseren Lebensstil sehr beeinflußt.

Eine Altbauwohnung mit großen Räumen kann nur noch bewohnen, wer genug Zeit hat, sie selbst in Ordnung zu halten. Natürlich gibt es viele Erleichterungen im Gegensatz zu früher. Zu heizen braucht man nicht mehr. Das ganze Stadtgebiet ist an die Fernheizung angeschlossen.

Schneller Einkauf über das Fernsehtelefon'

Natürlich hat. wer es sich leisten konnte, seine Altbauwohnung mit den vielen Haushaltsmaschinen ausgestattet, die bei Neubauwohnungen sowieso schon eingebaut sind. Natürlich fällt auch das mühsame Einkaufen weg, soweit es sich um Dinge des täglichen Bedarfs handelt. Man ruft einfach beim Warenhaus an und bestellt nach Katalog.

Man kann es auch anders machen. Man kann per "Visophon" bestellen. Das ist ein Fernsehtelefon. Man kann sich dann das Warenangebot im Laden ansehen, aussuchen, was einem gefällt, und man holt es ab. Für einen "Service-Zuschlag" kann man sich die Ware zustellen lassen.

"Visophone" oder Fernsehaugen gab es ja schon in den sechziger Jahren zur Verkehrsüberwachung und -regelung. Dann übernahm die Industrie die "Visophone" zur Produktionssteuerung. Der Handel folgte, um den Kunden den Einkauf zu erleichtern, dann kamen die großen Konzerne auf die Idee, "Konferenzschaltungen" einzuführen. Auf diese Weise konnten die Manager viel Zeit sparen, indem sie nicht mehr ständig von Ort zu Ort unterwegs zu sein brauchten. Jetzt gibt es auch "Visophone" im normalen Fernsprechnetz. Aber viele ? und ich gehöre zu ihnen ? weigern sich, diese Neuerung zu übernehmen, da sie einen zu starken Einbruch in die Privatsphäre bedeutet. Ich möchte schließlich auch mal in der Badewanne telefonieren können.

Meine Kinder wohnen draußen. Sie haben ein Reihenhaus in Ahrensburg. Die Siedlung steht mitten im Wald. Alle Wohnungen wurden aus vorfabrizierten Teilen errichtet. Im Rohbau gleichen sie sich wie ein Ei dem anderen, aber eben nur im Rohbau. Die Wände sind nämlich verstellbar, und jeder kann sich seine Wohnung aufteilen, wie er will. Wenn die Familie sich vergrößert oder wenn man sonst Lust dazu verspürt, kann man die Aufteilung jederzeit ändern.

Natürlich haben sie ein Auto. Jede Familie hat eines, und da einer meiner Schwiegersöhne Elektroingenieur ist, hat er eines von dem neuen Typ, eines mit Elektromotor. Es wurde vor allem erfunden, um die Verpestung der Luft in den Großstädten noch weiter zu verringern, obgleich sie durch andere Maßnahmen, von denen ich noch berichten werde, sowieso schon auf ein Minimusn herabgedrückt worden ist.

Das Auto wird elektronisch gesteuert

Mein Schwiegersohn arbeitet in Hamburg, aber dahin zu kommen bereitet keine Schwierigkeiten. Von Hoisbüttel bis Barmbek benutzt er die kreuzungsfreie Stadtautobahn, auf der er sich manchmal sogar "fahren läßt". Das heißt, er meldet der Verkehrszentrale sein Fahrziel, und sein Wagen wird dann elektronisch bis zur Autobahnausfahrt gesteuert. Auf diese Weise kann er unterwegs die Zeitung lesen oder das Fernsehgerät einschalten, ohne sich um den Verkehr kümmern zu müssen . . .

Sollten Sie, verehrter Leser des Jahres 1963, bis zum letzten Absatz noch ohne Murren gefolgt sein, so werden Sie die Vision vom Zeitung lesenden Autofahrer doch wahrscheinlich für eine Utopie halten. Ich breche daher vorsichtshalber an dieser Stelle ab. Lesen Sie in der nächsten Folge: 60 km Durchmesser

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