Rolf Thieles "Venusberg"

Rolf Thiele, der Prüderie nicht verdächtiger Moralist des deutschen Nachkriegsfilms, hat Umschau unter den halbzarten Töchtern des Landes gehalten, um sieben von ihnen in der komfortablen Klausur eines Münchner Winter-Chalets über das herbe Schicksal arrivierter Berufsjungfrauen meditieren zu lassen. Von den Männern enttäuscht, sehen sich alle (mehr oder weniger) nach dem Mann, vorwiegend nach dem gastfreien, aber abwesenden Besitzer des Mädchen-Asyls, Alphonse, mit deutlich verfremdetem Namen, von Beruf Frauenarzt und zweifellos ein zu den Kassen nicht zugelassener Adonis (wie schade, daß wir von ihm nur die Telefonstimme Richard Häußlers zu hören und nichts zu sehen bekommen).

Die körperbewußten und sinnenfrohen, unter dem freimütig gezeigten glatten Fell mit nichts anderen als

horizontalen Wünschen ausgestopften jungen Venustöchter lassen uns einer kollektiven Deflorierung unserer ohnehin schon überholten Vorstellungen von Jungfräulichkeit beiwohnen. Das wäre ja nicht so schlimm, wenn Thiele seinen leib-seelischen Striptease nicht im Namen von etwas veranstaltete, was er die Suche nach der Wahrheit nennt. Aber die Wahrheit ist, daß Mädchen wie diese von Männern wie solchen nichts Besseres verdient haben. Und wen interessiert's? In das Geschäft der Liebe kann man bekanntlich so oder so einsteigen. Wer aber nichts einzubringen hat wird auch nichts bekommen.

Mit Hilfe seines Kameramannes Wolf Wirth hat Thiele einen bemerkenswerten optischen und bildkompositorischen Aufwand betrieben, um den kreißenden "Venusberg" mit dem Mäuslein Nudität niederkommen zu lassen. So weit ganz hübsch und zielbewußt. Was aber neben diesen nackten Tatsachen an dialogischem Geschwulst zutage kommt, enthüllt Thiele als einen Papiertiger, der mit seinem künstlichen Gebiß nicht zu Rande gekommen ist. Für die Darstellung attraktiver Frauenschönheit wurden sieben junge Damen aus fremden Ländern als Hilfswillige einberufen. Nur mit Hilfe des gedruckten Programms kann man sich über die hier allerdings unwichtige Frage klarwerden:" Wer ist wer? (Uraufführung im Passage-Theater) WMH

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