Ein unerfreulicher Anblick vor Hamburgs Haustür

Die Wracks der "Ondo" und der "Fides" müssen verschwinden

Von unserem Redaktionsmitglied Egbert A. Hoffmann

Hamburg, 26. Juni

Seit sechs Monaten liegen nun schon die beiden Frachter "Ondo" und "Fides" auf dem Großen Vogelsand in der Eibmündung. Zwei ausgeschlachtete Wracks, die entgegen allen Erwartungen immer noch den Mahlsänden trotzen. Sie sind kein erfreulicher Anblick für alle Seeleute, die Hamburg ansteuern. Und die todwunden Schiffe passen schlecht zu der akustischen Begrüßung, die Hamburg seinen Gästen rund 60 Seemeilen elbaufwärts am Willkommhöft bietet. Es wird höchste Zeit, daß die Wracks verschwinden!

In den letzten Wochen häufen sich die Proteste gegen das deprimierende Bild neben der Fahrrinne. Nicht nur Seeleute empfingen die Wracks als dunkle Flecke auf der Visitenkarte des verkehrsreichsten Schiffahrtswegs der Welt. Im übrigen, so ergänzen die Lotsen, würde eine völlig falsche Vorstellung von der Gefährlichkeit des Fahrwassers erweckt.

Tag für Tag wiederholt sich dies in der Eibmündung: Hunderte von Ausflüglern drängen ,sich an der Reling schneeweißer Seebäderschiffe, sobald die Wracks in Sicht kommen. Unzählige Kameras werden gezückt. Hier und da schraubt man Teleobjektive ein. um das Deck der "Ondo" möglichst zum Greifen nahe heranzuholen. Daheim gehen dann die Bilder von Hand zu Hand, und staunend betrachtet man die Trümmer vor Hamburgs Haustür. Diese Schnappschüsse von Helgoland- Ausflügen, die seit Beginn der Reisesaison in alle Welt gehen, können nicht im Interesse der Schiffahrt und Hamburgs sein. Das ist die Ansicht, die die Menschen an der Küste und im Hamburger Hafen vertreten.

Die Lage der beiden Wracks hat sich in den letzten Monaten so gut wie gar nicht verändert. Die "Fides" ist nicht, wie die Fachleute Anfang des Jahres ankündigten, in den Mahlsänden verschwunden. Und die "Ondo" liegt immer noch mit Steuerbordschlagseite weit aus dem Wasser.

Ein Betreten des Briten-Frachters ist seit Februar so gut wie unmöglich geworden. Dennnoch. so will man es in Cuxhaven wissen, machen gelegentlich Fischkutter an der Brücke der "Ondo" fest. Offenbar wird noch nach Geräten gesucht, die sich zum Demontieren und Verkaufen lohnen.

Die Hamburger Makler-Firma der "Ondo" ließ schon Anfang des Jahres alles Brauchbare von Bord schaffen. Nautische Apparate, Mobiliar, Anker und vieles mehr. Demnächst soll das Bergungsgut. das in Hamburg und in Cuxhaven lagert, bei einer Auktion un r ter den Hammer kommen. Von den ehemals 80 000 Sack Kakaobohnen wurden rund 53 000 Sack aus den Laderäumen geholt. Der Rest gilt als verloren.

Die letzten Bergungsversuche sind schon im Januar eingestellt worden. Eine polnische Bergungsfirfma, die es später noch einmal wagen wollte, hat sich schnell von dem Geschäft zurückgezogen, als sie die Lage der "Ondo" ausgekundschaftet hatte. Die britische Reederei, der die "Ondo" immer noch gehört, möchte das Wrack offenbar gern an eine Schrottfirma verkaufen.

Fachleute in Hamburg undCuxhafen stehen allerdings allen Abwrack-Plänen skeptisch gegenüber. Sie meinen, daß das unruhige Wasser ein Zerlegen der "Ondo" unmöglich macht.

Die Bugsier-Reederei: "Wer sich da 'ranwagt muß sehr viel Mut mitbringen." Andere Experten betonen, daß ein Verschrotten in jedem Fall mit großen Schwierigkeiten verbunden sei. Auch in der Hamburger Wasser- und Schiffahrtsdirektion vertritt man die Auffassung, daß mit der "Ondo" kein Geschäft mehr zu machen ist.

Ähnlich ist die Situation bei der ..Fides". Alles noch irgendwie Brauchbare ist längst an Land gebracht. In diesen Tagen wird in Cuxhaven "Fides"-Wein unter der Hand verkauft. Den Liter zu 80 Pfennig. Der Rotwein stammt aus Fässern, die man aus den Vorratslagern des Italieners geholt hat.

Warum werden die Wracks nicht gesprengt? Die Behörden sehen keine Veranlassung für eine Sprengung, denn die "Ondo" und die "Fides" liegen abseits der Fahrrinne, so daß sie die Schiffahrt nicht gefährden.

Man muß leider feststellen: Es geschieht nichts, um die unerfreulichen Überreste dieser Schiffstragödien zu beseitigen! Will man die "Ondo" und die "Fides" so lange in der Eibmündung liegen lassen, bis die See sie zerschlagen und der Rost sie zerfressen hat? Das kann noch Jahre dauern. Hamburg ist es seinem guten Ruf schuldig, daß bald etwas getan wird, damit dieses "gespenstische Empfangskomitee" verschwindet!

Der Vorsitzende der SPD-Fraktion der Bürgerschaft, Brandes, erklärte dazu dem Hamburger Abendblatt: "Die Reeder sollten sich endlich darüber klarwerden, ob sie die Wracks noch verkaufen können. Falls nicht, sollten sie grünes Licht für die Beseitigung geben. Ich lehne es allerdings ab, daß öffentliche Mittel für die Räumung zur Verfügung gestellt werden. Ich glaube auch nicht, daß der Ruf Hamburgs entscheidend durch das beeinträchtigt wird, was bei Cuxhaven liegt."

Wenn die "Ondo" an der Weser läge, wäre längst etwas geschehen. Das ist offenbar eine weitverbreitete Auffassung an der Küste. Eine Meinung, die in einer großen Wrack-Räumungsaktion Bremens ihre Bestätigung zu finden scheint. Dafür sind 4,5 Millionen Mark bereitgestellt worden, um die letzten Kriegswracks in der Unter- und Außen- Weser zu beseitigen. In Hamburg war solche Initiative bisher nicht spürbar.

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