Stahlbau - eine Chance für das geplante Hamburger Schnellstrafeennetz

Die Stadtautobahn aus der Fabrik

| Lesedauer: 2 Minuten

Hamburg plant den Bau einer Stadtautobahn. Das Netz der Hochstraßen ist im Entwurf fertig. Baubeginn wird in ein oder zwei Jahren sein. Wird man aber noch Anschluß an die Motorisierungswelle finden, und werden die Bauarbeiten den ohnehin chaotischen Verkehr noch mehr behindern? Die Chance aufzuholen, scheint noch vorhanden zu sein. Die neuen Straßen müssen jedoch dann fertig in der Fabrik bestellt werden.

Sie müssen bestellt werden wie ein Auto, ein Kühlschrank, wie Eisenbahnschienen oder U-Bahn-Wagen ? es sind Straßen aus Stahl. In Serie fabriziert, genormt und angeliefert. An der Baustelle nur noch montiert Von Kränen auf vorbereitete Pfeiler gehoben und mit einer Fahrbahn aus Beton oder Asphalt versehen. Fertig!

Einen Eindruck von dieser modernen Baumethode, die sich im Konkurrenzkampf mit dem Beton immer mehr nach vorn schiebt, vermittelt eine neue Schrift des Stahlbauverbandes, betitelt: "Stahlhochstraßen."

Als Beispiel dient die Hamburger Osttangente, die voraussichtlich als erstes Teilstück der Stadtautobahn entstehen wird. An dem Entwurf aus Stahl imponiert die Leichtigkeit der Konstruktion, die Eleganz der schlanken Träger und die harmonische Anpassung der Hochstraße an den Gleiskörper der S-Bahn. Zwischen den Stationen Wandsbeker Chaussee und Friedrichsberg soll sie zum Teil auf den Böschungen der Bahnanlagen errichtet werden.

Die Ausnutzung vorhandener Verkehrsbauten wie Eisenbahnen oder Kanäle kennzeichnet den Hochstraßenbau. Oft werden die Hochstraßen auch über den Ausfallstraßen angelegt werden müssen. Der Stahlbau bietet sich hierbei vorteilhaft an.

Fundamente und Stützen in den verschiedensten Formen sind die einzigen Bauten, die auf dem Erdboden errichtet werden müssen. Der eigentliche Straßenbau findet in der "zweiten Ebene" statt. Ohne Behinderung des Verkehrs.

Alle kostspieligen und langwierigen

Verkehrsbeschränkungen durch die Gerüste der Betonbauten fallen weg. In 12, 15 oder 20 Meter Höhe schieben Spezialkräne die kastenförmigen,' Segmente der Stahlstraße Stück für Stück im freien Vorbau voran.

Die Schrift des Stahlbauverbandes tritt auch dem Vorurteil entgegen, daß Stahlkonstruktionen häßlich sein müssen. Überzeugende Beispiele von Brükkenbauten, darunter auch die Hamburger Steintorbrücke, ferner Fußgänger- überführungen und Eisenbahnviadukte beweisen das Gegenteil. Man spielt mit den Proportionen und mit Farben wie auch mit den mannigfaltigsten Formen. Die altmodische Gitterkonstruktion hat im modernen Stahlbau keinen Platz mehr.

Und doch hat man sich an die Bauten aus jenen Tagen längst gewöhnt. Kann man sich die Vorsetzen ohne das von Hafenqualm geschwärzte Hochbahn viadukt überhaupt noch vorstellen? Es gehört zu Hamburg, wie die Hochstraßen der Zukunft einmal das Bild der Stadt mitprägen werden.

HANS W. BRUCKMANN

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: 1962