Neues Hochschul-Viertel bald schon zu klein? Streit um Mensa-Essen / Thema Theater

Im Mittelpunkt der Etatdebatte: die Universität

"Selbstverständlich kann eine zweite Universität nicht von Hamburg allein getragen werden." Das sagte der SPD-Abgeordnete Dr. Meinecke gestern bei den Etatberatungen zu seinem Vorschlag, den Bau einer zweiten Hochschule zu erwägen. "Ein solches Unternehmen müßte für den gesamten norddeutschen Raum gelten", meinte er. Die Universität war gestern Mittelpunkt der Debatte. Die Abgeordneten standen ihr wohlwollend, bei einigen Problemen aber auch mit Sorge gegenüber. geordnete Meinecke, ?wenn im Ausland

Ein Blick auf den Stand der Etatberatungen: Sie sind zähflüssiger geworden. Gestern kam man nur langsam voran. Zuviel Kleinkram am Rande. Das ist auch die Meinung des Präsidenten. Mehrmals mußte er gestern mahnen: "Kinder, so geht es nicht weiter."

Das Problem der Hamburger Universität: Die ständig wachsende Zahl der Studierenden. Fast 13 000 sind es zur Zeit. Um 13 Prozent ist ihre Zahl jährlich gestiegen. 1964, so rechnet man, werden es 16 000 sein. Dann wird auch das große Universitätsviertel, das jetzt am Bornplatz entsteht, wahrscheinlich schon nicht mehr ausreichen. Was soll man also tun? Einen Numerus clausus (Beschränkung der Zulassung) einführen? Das Abitur verschärfen, um den Zustrom zur Uni einzudämmen? Oder brauchen wir nicht überhaupt ? wenn man auf die Entwicklung im Ausland schaut ? ? mehr Studenten, um ausreichenden Nachwuchs für die vielfältigen Aufgaben der Wissenschaft zu haben? Diese ernsten Themen wurden gestern auch in der Etatdebatte angesprochen.

Abitur nicht verschärfen

Dr. de Chapeaurouge (CDU): "Ich bin nicht dafür, das Abitur zu verschärfen, obwohl es die einzige erwägenswerte Möglichkeit wäre, den Strom zur Hochschule zu verkleinern."

Dr. Meinecke (SPD): "Ich bin herzlich froh, daß Bürgermeister Brauer gerade den Sitzungssaal verlassen hat, damit ich nicht in seine entsetzten Augen schauen muß, wenn ich jetzt von dem Bau einer zweiten Universität spreche. Zugegeben, das kostet enorm viel Geld (das jetzige Neubauprogramm der Universität ist mit 200 Millionen Mark veranschlagt!). Aber wir planen neue U- Bahn-Linien, deren letzte Stationen erst in zehn Jahren fertig sein werden."

-Müssen wir da auch nicht daran denken, den Bau einer zweiten Universität ins Auge zu fassen? Ich fürchte, wir werden nicht daran vorbeikommen, wenn wir nicht einen unerwünschten Massenbetrieb an der jetzigen Universität zulassen wollen.'

Dazu auch einige interessante Zahlen: In der Bundesrepublik gibt es drei bis vier Studenten auf tausend Einwohner. In den USA aber 16 bis 18. In Rußland 16. "Können wir", fragte der SPD-Abso große Anstrengungen unternommen werden, bei uns die Zahl der Studenten durch einengende Maßnahmen künstlich kleinhalten? Treiben die anderen vielleicht einen unerhörten Luxus in der Wissenschaft? Oder sind wir etwa ein minderbegabtes Volk?"

Massenbetrieb

Und ein Wort auch zum zahlenmäßigen Verhältnis von Professoren zu Studenten. "In Hamburg hat ein Ordinarius 83 bis 85 Studenten zu betreuen. Das ist zuviel. Da ist keine Übersicht mehr möglich. Das führt zum Massenbetrieb."

Dr. Frankenfeld (FDP): "Nein, bitte keine Einschränkungen der Studienwünsche. Aber vielleicht sollte man endlich einmal aufhören, für alle möglichen Berufe hochgeschraubte Berechtigungsnachweise zu fordern. Das ist eine Unsitte." Zum Thema Bau von Studentenheimen: "Man sollte private Stifter und Förderer, die solche Heime bauen wollen, mit ihren Plänen bei der Behörde nicht so lange zappeln lassen."

Und noch ein ernstes Wort: "Vergessen wir bei dieser Aussprache über die Universität nicht, wie sehr in der Sowjetzone die Universitäten in Unfreiheit gehalten werden. 1120 Hochschulangehörige sind dort seit Kriegsende verhaftet worden. Dagegen sollten wir alle Protest erheben."

Frau Fera (CDU): "Studentenwohnheime sollte man nicht nur unter dem Begriff Dach und Bett für die Studierenden sehen, sondern auch als Versuch, den oft verlorengegangenen Kontakt der Studenten untereinander (anonymer Massenbetrieb) wiederherzustellen. " Zuwenig Universitäten

Senator Landahl: "In einigen Jahren kommen die etwas geburtenschwachen Jahrgänge zur Universität. Das wird vielleicht etwas Erleichterung schaffen. Aber ich gebe zu, wir können gar nicht genug Studenten haben. Es wäre falsch, ihre Zahl herabzudrücken. Und es stimmt schon: Es gibt zu wenig Universitäten in Deutschland. Wir brauchen bald neue."

Wie steht es in Hamburg mit der Unterbringung der Studenten, mit dem Bau von Wohnheimen?

Senator Landahl konnte gestern eine etwas optimistischere Antwort geben: ?592 Plätze stehen jetzt in Studentenwohnheimen zur Verfügung. Im Bau sind Heime mit 212 Plätzen und in der Planung 1337 Plätze. Ende 1961 werden also 2141 Studenten in Heimen untergebracht werden können.

Was wird nun ? bisher ausgeklasmmertes Thema der IGA-PIanung ? aus dem Botanischen Garten? Die CDU- Abgeordnete Brauweiler hatte danach gefragt. Antwort von Senator Landahl: "Es handelt sich nicht mehr darum, das Gelände des Botanischen Gartens für Ausstellungszwecke zu benutzen. Es geht nur um die Frage, wie die wissenschaftlichen Einrichtungen am besten gesichert und berücksichtigt werden können."

Natürlich könne man, sagte Landahl, während der Gartenschau 1963 nicht gut ein Schild an den Botanischen Garten hängen: "Hier ist zwar ein Garten, aber er gehört nicht zur Ausstellung, es lohnt nicht, ihn anzusehen." Sonst wurde über das Schicksal des Botanischen Gartens nicht viel gesagt. Der Haushaltsausschuß wird demnächst dar- über beraten.

Schließlich auch ein kleines Zwischenspiel in der Debatte. Der CDU-Abgeordnete Fei Icke attackierte das Mensa- Essen. Vor allem bemängelte er, daß die Herstellungskosten zu hoch seien: "Jeder private Kantinenbetrieb macht das billiger. Und überhaupt klagen die Studenten über die Qualität dieses Essens. Sollte hier nicht der Rechnungshof einmal eine Überprüfung vornehmen?"

Senator Landahl parierte scharf: "Ihre Vorwürfe, Herr Feilcke, sind leichtfertig und auf billige Sensation abgestellt. Bei diesem Niveau kann ich mir eine Antwort ersparen. Das Studentenwerk ? Sie hätten sich besser informieren sollen ? wird jährlich überprüft."

Tumult um "Spießbürger"

Ungeahnt lebhaft wurde plötzlich die Debatte, als der FDP-Abgeordnete Dr. Frankenfeld von der geplanten "Europa- Universität" sprach. Senator Landahl, das gab er zu erkennen, ist gegen eine solche Universität, weil sie nach seiner Ansicht nur einen Teil von Europa in ihr Programm einschließe.

Protest bei der CDU. Im Nu entspann sich eine zwar lange, aber nicht gerade sehr glückliche "Grundsatzdebatte" darum, wer wann, wie, wo schon europäisch gedacht und welche Partei den Europa-Gedanken am tatkräftigsten vertreten habe.

Tumult drohte schließlich, als der SPD-Abgeordnete Brandes zu einer Rede des CDU-Abgeordneten Henneberg sagte: "Herr Henneberg ist ein prähistorisches Beispiel für einen deutschen Spießbürger."

Nur dem beschwörenden Einsatz des Präsidenten gelang es, die Diskussion zu bremsen. Schönfelder: ?Ich überschreite

jetzt vielleicht meine Funktion, aber ich kann ja nichts mehr verderben, in der nächsten Woche wählen sie mich sowieso ab." Seinen Mahnungen beugten sich die erhitzten Gemüter- Allgemeine Feststellung zum Schluß: Selbstverständlich steht jede Fraktion zum Europa-Gedanken.

Zwei interessante Punkte in der Debatte des Kultur-Etats- Die CDU-Abgeordnete Staudinger schlug eine Fusion zwischen dem Deutschen Schauspielhaus und den Kammerspielen vor: "Denn das Schauspielhaus hat keine geeignete Bühne für Kammerspiel-Aufführungen. Ida Ehre dagegen hat Ensemble-Sorgen." Mißverständnisse

Senator Dr. Biermann-Ratjen: "Dieser Vorschlag birgt eine Fülle von Mißverständnissen in sich. Die Behörde hat keinerlei derartige Absichten."

Der Dramatikerpreis (10 000 Mark) für das beste zeitgenössische Theaterstück, dessen Stiftung die CDU vorgeschlagen hat, sollte nach Ansicht des Kultursenators am besten ein gemeinsamer Preis für Musiker und Schriftsteller (je 5000 Mark) werden. Als Namen schlug er vor: "Hans-Henny-Jahnn-Preis".

Beschlossen hat die Bürgerschaft in erster Lesung gestern die Einzelpläne Justiz und Strafvollzug (gegen CDU) und Schulbehörde (mit einigen Stimmen auch aus der CDU).

Am Montag gehen die Etatberatungen weiter.

HELLMUT THIEVES

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