Bericht über die letzte Bürgerschaftssitzung des Jahres 1999 / Hilfe für den Hafen

Mit Würstchen und Senatsbock kann man Sailors nicht imponieren

1999 (diesmal kein Druckfehler!) war ein erfolgreiches Jahr für die Hansestadt! Darüber waren sich alle Abgeordneten der Bürgerschaft einig, als sie gestern zur letzten Sitzung des Jahres zusammenkamen. Nur die Funk- Verbindungsgeräte auf den Plätzen der abwesenden Abgeordneten summten, als der greise Bürgermeister Dr. Paul Nevermann vom Senatstisch aus die erfreuliche Bilanz erläuterte. Er tat es in kurzen, klaren Sätzen, eine Leistung, die bei dem hohen Alter des Bürgermeisters erstaunlich ist.

"Meine Damen und Herren", sagte der Bürgermeister, ?wir haben erreichen können, daß die Gemeinde Garstedt uns das Grundstück des Kolonial warenh&ndlers Sötebier für die Verlängerung der Startbahn II in Fuhlsbüttel stellte. Damit können die neuesten Maschinen des Typs Boeing 909 landen und starten, mit der kleinen Einschränkung, daß die Passagiere erst In Frankfurt zusteigen dürfen, beziehungsweise schon dort aussteigen müssen.

Im nächsten Jahr, so hoffen wir, wird der Abgeordnete Engelhard uns euch noch die Parzelle des Schlachtermeisters Langdörfer erhandeln. Dann können jeweils zahn Passagiere, allerdings nur Kinder bis zu zehn Jahren, mit der Boeing starten und landen."

Beifall der Regierungspartei (CSPD- Chrisüich-Sozialdemokratische Partei Deutschlands) und Opposition (FDFD-

Frele Demokratische Fortschrittspartei Deutschlands) gab es, al" der Bürgermeister sagte:

"Wir wissen dem Abgeordneten Engelhard Dank dafür, daß er es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, den Gar- ?tedtern jedes Jahr ein paar Quadratmeter abzuhandeln. Und ich kann Ihnen heute schon mitteilen, daß er am Neujahrstage die vom Fuhlsbütteler Bürgerverein gestiftete Medaille ,Für Verdienste um das Luftkreus des Nordens' erhalten wird."

Der letzte Hecht . . .

Der Bürgermeister nannte weitere Erfolge des Jahres 1999: Die Staatsoper konnte ihr Defizit auf 2,4 Millionen Mark herabwirtschaften (Im Vorjahr: 2,5 Millionen); Sasel und Volksdorf wurden an die System-Müllabfuhr angeschlossen; das erste Stadtautobahnteilstück von 300 Meter Länge zwischen Bramfeld und Barmbek konnte in Angriff genommen werden; das neuneckige Auditorium minimum im Universitätsviertel (mit seinen 115 Platzen ausschließlich für die Philosophische Fakultät bestimmt) konnte gerichtet werden; der letzte Hecht in der durch Industrieabwässer verseuchten Oberalster, betreut von'Schwanenwärter Niess, wurde unter Naturschutz gestellt; die gemischte Tarifkotmtmission von Hoch- und Bundesbahn hat ihren ersten Beschluß gefaßt: Fundsachen tollen in einem gemeinsamen Fundbüro verwaltet werden.

Nach den Ausführungen des Bürger-

meistens trat die Bürgerschaft in die Diskussion eines Antrages der CSPD- Abgeordneten Reling und Kombüs ein. Der Antrag:

Hamburg soll Jeder ausländischen Schiffsbesatzung einen Sonderempfang bereiten, um in den Seeleuten eine kaum stillbare Sehnsucht nach der Hansestadt zu wecken und damit dem Hafen zu helfen.

Reling: "Man müßte den Kapitän zum Essen ins Rathaus laden und die Besatzung auf die Reeperbahn führen. Geschulte Fremdenführer sollten eingesetzt werden, um den Matrosen das Allerbeste zu bieten."

Hier gab es einen Zwischenruf von Müller-Link (FDFD): ?Haben Sie,

Herr Kollege, diesen Plan mit dem Finanzsenator besprochen? Und haben Sie daran gedacht, daß ein amerikanischer Flugzeugträger heutzutage etwa 6004 Mann Besatzung hat? Oder wollen Sie die Matrosen mit einem Würstchen und einem Glas SenatsMckoben abfüttern?"

Reling: .Sehr verehrter Herr Kollege, Sie wissen sehr wohl, daß der Burgerverein St. Pauli sich seit etwa vierzig Jahren um vernünftige Preisgestaltung auf der Reeperbahn bemüht. Schließlich bekommen Sie eine Flasche Bier heute schon für sechs Mark!"

Zwischenruf aus den Reihen der FDFD-Opposition: "Und dann noch mit Glas!" (Heiterkeit) Der Antrag wurde an den Verkehrsausschuß überwiesen.

Fluch oder Segen?

Anschließend kam es zu einer erregten Debatte Über den Antrag des Senats, zur Internationalen Gartenbauausstellung 2003 die Außen- und Binnenalster bis auf einen kleinen Bachlauf am Westiufer zuzuschütten. Die Leitung der IGA möchte auf dem so entstehenden Gelände Rasen säen und die Sonderschauen: "Verderbe ich mir die Freizeit mit Gartenarbeit?", "Obstsalat und seine Bedeutung für den Erwerbsgartenlbau" und "IGA in Hamburg ? Fluch oder Segen?" veranstalten.

Hierzu Gießkann (CSPD): "Jawohl, meine Damen und Herren, ich bin Gärtner. Und weil ich Gärtner bin, bin ich für die IGA. Und weil ich für die IGA bin, bin ich für dieses Projekt. In unserer raketenautoverseuchten Zeit muß der Mensch Oasen der Kille schaffen, Anlagen, in denen er Entspannung findet . . ."

An dieser Stelle der Ausführungen Gießkanns kam es zu einem sehr häßlichen Zwischenfall. Der Abgeordnete Riemen (FDFD), Inhaber einer Bootsvermietung an der Alster, sprang auf und rief dem Redner zu: "Pflanzen Sie Ihre dämlichen Radieschen, wo immer Sie wollen! Wir lassen uns unsere Alster nicht nehmen!"

-Die Stadt des Kohls'

Präsident Dau mußte minutenlang seine Elektronensirene heulen lassen, bis wieder Ruhe im Parlament eingekehrt war. Dann erhielt der Bürgermeister das Wort. Er sagte: "Hamburg hat sich 1953 nun einmal entschlossen, als einzige Stadt der Welt alle zehn Jahre eine Internationale Gartenbauausstellung durchzuführen."

"Hanseatische Zuverlässigkeit", se fuhr der Bürgermeister mit erhobener Stimme fort, "verbietet es uns, diesen Turnus aufzugeben. Und so wollen wir der Welt zeigen, daß Hamburg die Stadt der Blumen, der Pflanzen, des Kohls ist."

"Meine Damen und Herren", fragte Nevermann, "wollen Sie denn, daß die Gärtner sagen: ,In Hamburg ist man blumenfremd'? 1973 haben wir kühn den Botanischen Garten in das IGA- Gelände einbezogen. Sie wissen alle, welch großartigen Erfolg wir damit hatten: Die Raketenschuhbahn von Planton un Blomen wäre nie möglich gewesen, wenn wir damals an dem bißchen Wasser, den paar alten Bäumen und dem Versuchsgarten der Universität festgehalten hätten." Nach den Ausführungen meldete sich der Abgeordnete Witten (CSPD) über

sein Funk-Verbindungsgerät (er befindet sich auf Urlaub am Tegernsee) zu Worte: "Ich darf Herrn Riemen darauf hinweisen, daß die Alster nach der IGA Ja- doch wieder aufgegraben und aufgefüllt wird. Vielleicht kann er sich ein Jahr lang mit einer Trockenruderanstalt behelfen."

Heiterkeit, bis Präsident Dau die Abgeordneten bat, zur Sache zu kommen und die Sitzung nicht unnötig zu verlängern.

Die Bürgerschaft faßte dann einstimmig folgende Beschlüsse:

- DI* Geruchskemmltslon seH ermächtigt werden, Jetzt nach Über vierzig lehren gewissenhafter Vorbereitung Fachleute zur Bekttmpfvng der Hdetttedter DUfte heranzustehen. Diese Wissenschaftler sollen beauftrag* werden, In vierzig lehren ein Out. achten Ober cHe QrestanketHeailen vorzulegen. Ihn den relbimgsleeen Ablauf dieser RadlkalmaSnahm* iu gewährleisten, Ist der Auftrag auf Söhne und inkel vererbHch. ? Me PoMselbeliSrde wird beauftragt, den pensionierton Pollzelbeamten, die als Park" uhrwächtor tdtlg sind, zur Oesdimackserho- Iwng eine täglich* Portion Heringe In Paprika zw v*rabfelg*n. AnlaO xu dl*i*m ""- (cMuB Itt der Fall d*t V Jahre alten Hauptwachtmelstert a. D. Igen Schmalz, der 12 Jahr* lang dl* gummierte RUcktelt* ven 41 171 Strafsotteln mit d*r Zung* befeuchtet und dadurch d*n Geschmack verleren hatte. Der Fall wurde durch eine Hamburger Zeitung bekannt, die unter der Rubrik ?Menschlich gesehen" den verdienten Mann gefeiert hatte.

Es war eine harmonische Sitzung. Mit hanseatischer Dynamik faßten die Abgeordneten ihre weittragenden und zukunftsweisenden und dabei doch wohlabgewogenen Entschlüsse. Sie bestätigen wieder einmal den Spruch des unvergessenen Heimatdichters Dirks Paulun, der im hohen Alter in seinem Buch: "Hamburger Schnauze" geschrieben hat: "Der Hamburger kennt nur ein Ziel: Die Moorweide darf kein Parkplatz werden."

Mit Strickzeug

In den Zuschauerlogen sah man eine Klasse der Raketenfachschule Poppenbüttel, zwei Damen der Verbraucherzentrale (mit Strickzeug), die Familie Sieveking, den Leiter der IGA 2003, Gartenarchitekt Franz Humus, und den Musikzug des auf dem Mond stationierten Panzerbataillons 88, der zu einem Erholungsaufenthalt nach Hamburg abkommandiert ist.

Die nächste BUrgerschaftssitzung Ist am 8. Januar des neuen Jahres. Dann geht es um ein großes Thema: Die Erhöhung der Abgeordneten-Diäten.

WOLFGANG SCHMIDT

(parteilos)