Freches Angebot an die Polizei

Rademacher versteckte den weltberühmten Silberschatz auf der Toilette der elterlichen Wohnung und besaß die geradezu unglaubliche Frechheit, ihn später der Polizei für 8000 DM zum Kauf anzubieten. Als man ihn um einen zweiten Anruf bat, wurde er hellhörig und vergrub die Münzen im Garten seines Stiefvaters.

In der gleichen Nacht versuchte er noch einmal sein Einbrecherglück im Bahnhof Süd. Als sich der Kassenschrank nicht öffnen ließ, legte er Feuer nach seinem Prinzip: "Weg damit ? nun habe ich nichts gefunden ? nun sollen sie ihren Dreck haben!" Der Brand konnte gelöscht werden, so daß der Schaden "nur" 5000 DM betrug, v Anschließend "besuchte" Rademacher eine Tankstelle. In der für ihn üblichen Manier mit Colt (wie er seine Gaspistole nennt), Dolch, Taschenlampe, Streichhölzern, Handschuhen und Kreppsohlenschuhen ausgerüstet, klettert er mit katzenharter Gewandtheit an dfer Fassade der Tankstelle hoch, öffnet ein Fenster durch die Entlüftungsklappe und steigt ein. Beute "hur" 25 DM.

Es folgt als vierte Tat in einer Nacht der Anschlag auf die Ratsbücherei. "Ich dachte, das ist eine Leihbücherei wie jede andere", berichtet Rademacher, der mit verschränkten Armen auf seiner komfortablen Anklagebank sitzt. "Ich wollte an die Kasse heran. Durch ein Fenster bin ich von hinten herein, fand aber kein Geld und keine Bücher zum Mitnehmen. Da holte ich Papier und ließ die alten Schwarten hochgehen."

Vorsitzender: "Hätte nicht eine Brandstiftung in der Nacht genügt?"

Angeklagter: "Zweimal, das bringt mehr Aufregung für die Bevölkerung."

Vorsitzender: "Regte Sie das auf?" Angeklagter: "Nö, mich nicht." Vorsitzender: "Haben Sie einmal etwas gehört vom Wert der alten Bücher, die völlig unersetzbar sind?"

Angeklagter: "Nö."

27. Januar 1960 Viskulenhof. "Ich wollte in die Fremdenlegion. Ich dachte, einmal mußt du es ihnen noch zeigen. Ich konnte nun nicht mehr so oft weg, weil auf den Sraßen alle aufpaßten.' Da sollte der Viskulenhof der Abschluß sein".

Vorsitzender: ?Wußten Sie nicht,

daß im Viskulenhof Menschen wohnten?"

Angeklagter: "Ja."

Vorsitzender: "Dachten Sie nicht an die anderen Häuser, auf die das Feuer schon einmal übergegriffen hatte, an die Menschen, die darin wohnten?"

Angeklagter: "Die hatte ich ja nicht angezündet."

Vorsitzender: "Wäre Ihnen das auch egal gewesen?"

Angeklagter: "Das weiß ich nicht.' Landgerichtsdirektor Holz faßte den Gesamteindruck von dem knapp 20jährigen gestern in einer beschwörenden Ansprache an den Angeklagten zusammen: ?Mir ist in meiner jahrzehntelangen Praxis noch nie ein Mensch vorgekommen, der so kalt und gefühllos ist wie Sie. Ich frage midi immer wieder, spielen Sie uns hier nicht doch nur Theater vor oder ist das wirklich Ihr Ernst, dieses nahe Herangehen an Ihre Opfer ? dieses Menschenleben nicht mehr achten ? dieses an nichts glauben?"

Die Antwort, die Rademacher gab, klang völlig kühl: "Das ist mein voller Ernst!"

Auch als der Richter sichtlich erschüttert meinte: "Dann kann ich Ihnen auch nicht helfen!" schien Rademacher ungerührt-

Wenig später allerdings senkte er zum erstenmal im Verlauf seiner ?großen

Schau" den Kopf. Das war, als der Staatsanwalt den Antrag stellte, seine Schwester Inge und seine "Verlobte" Uschi als Zeugen zu hören, die beiden einzigen Menschen, die diesem finsteren Einzelgänger nahestanden. Rademacher flehte das Gericht fast an, es solle seine Verlobte nicht vorluden.

Der Vorsitzende stellte die Entscheidimg über den Antrag zurück. Er will

mit seiner betont verbindlichen Verhandlungsweise wohl erreichen, daß Rademacher weiter auspackt, statt sich in verbissenes Schweigen zu hüllen oder gar seine Geständnisse zurückzunehmen.

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