ff Eleonore Zetzsche als Marketenderin Anna Fierling

Hildesheims "Courage"

Im Hildesheimer Stadttheater steht in diesen Wochen eine Inszenierung von Brechts "M utter Courage" auf dem Spielplan, die sich durch eine unüblich junge Darstellerin der Titelrolle auszeichnet. Inten-

dant Walter Z 1 b e 1 1 holte sich als Courage die aus dem Brecht-Ensemble stammende, dem Hamburger Publikum von Gastspielen vertraute Eleonore Zetzsche. Willi Rohde (bisher Aachen, demnächst Kiel) präsentiert mit ihr eine außerordentlich interessante Aufführung.

Der Ausflug nach Hildesheim erwies einmal mehr, welche Überraschungen zuweilen die "Provinz" zu bieten hat ... Das Stadttheater mit seinen 826 Plätzen, im Krieg zerstört, kann jetzt mit dem 50-Jahre-Jubiiäum zugleich sein zehnjähriges Bestehen nach dem Wiederaufbau feiern. Es wird als kombiniertes Theater mit Oper, Operette und Schauspiel geführt, erhält seine Zuschüsse von der Stadt und vom Land Niedersachsen, macht Abstecher u. a. nach Goslar, Hameln, Helmstedt, Peine und Wolfsburg... und bezeugte dem Gast aus Hamburg, wie ernsth a f t '"? jedenfalls mit dieser ?Mutter Courage" ? es zu arbeiten pflegt. :

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Eleonore Zetzsche ist in der Aufführung der Hamburger Kammerspiele eihst die Yvette gewesen/Der Sprung zur Courage, zur Rolle der Helene Weigel, der Giehse, der Ida Ehre, war kühn. Er hat sich gelohnt; er zeigt die Aufgabe in neuem Licht ? und die Künstlerin, auf die das Hildesheimer Wagnis sicher verstärkt aufmerksam machen wird.

Das Verhältnis der Courage zu den Männern, zum Koch, zum Feldprediger, zum Feldwebel, ihr Bild aus den Anfängen der Brechtschen Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg ? es wird bei dieser vitalen, weiblichen, verschmitzt-humorigen Darstellerin ver* ständlicher, richtiger, natürlicher empfunden. Und der Bogen wird nicht abgebrochen. Der Schülerin der Koppenhöfer und Körner, vertraut mit der besonderen Stil-Atmosphäre des Dramatikers Brecht, gerät auch die alte, einsame Courage überzeugend.

Noch weitere "Hamburger Überraschungen" bot die Aufführung. Ausgezeichnet charakterisierte die junge Doris Gallert ihre stumme Kattrin, nicht minder imponierend Ursula Erber (Deutsches Schauspielhaus) die Lagerhure. Yvette, die sie mehrfach für eine erkrankte Kollegin übernahm. Hans- Günther Müller begegnete man als Feldprediger wieder.

Jörg Cossardt (von Barlog verpflichtet) und Herbert Padleschat vermochten alsEilif und Schweizerkas zu gefallen, und noch eine ganze Reihe interessanter Darsteller des Ensembles könnten genannt werden. ? Das Publikum der Nachmittagsvorstellung, zumeist Mitglieder des Jugendrings, war spürbar gepackt und gab begeistert Beifall. ha

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