Wiener Antiquitätenhändler vor Gericht

Madonna - echt gotisch

Eigener Bericht

S. Wien, 8. August

Der Madonnen-Skandal um eine nachträglich "auf alt" gemachte Statue des Sttdtiroler Bildschnitzers Josef Rifesser, die vom Wiener Dorotheum als angeb* lieh echt gotisches Kunstwerk sur Versteigerung angenommen ? worden war ? wir haben ausführlich darüber berichtet ? fand sein gerichtliches Nachspiel. Der 58jährige, bullige Antiquitätenhändler Josef Ferdinand Auer ist des Betruges angeklagt, weil er die omindse "Madonna mit dem Kind" dem Dorotheum in die Hände gespielt hat.

"Ich war ärgerlich, .weil mir die Kunstexperten des Dorotheurns kurz vorher zwei tatsächlich echte gotische Figuren als unecht zurückgegeben hatten", erzählte der schon 25mal einschlägig vorbestrafte Auer gestern in breitestem Wiener Dialekt vor einem Schöffengericht. "Deshalb wollte ich die Herren Sachverständigen gründlich blamieren. Wenn die Figur tatsächlich für 100 000 Schilling verkauft worden wäre, hätte ich natürlich keinen Groschen genommen."

Der Vorsitzende lächelte: "Sie sind doch gar nicht so reich, daß Sie auf einen solchen Betrag leichten Herzens verzichten hätten können." '

Tatsächlich hatten damals die Experten die "Madonna mit dem Kind" als echt gewertet. Sie erklärten, es handele sich um "eine Schnitzerei aus dem 14. Jahrhundert". Daß der Südtiroler Josef Rifesser diese Figur geschnitzt und "antiquiert" haben könnte wurde zunächst als unmöglich bezeichnet.

Rifesser hatte damals den "Dorotheum" - Sachverständigen angeboten, nach Wien zu kommen, um ihnen zu beweisen, daß er solche Figuren mit seiner Methode "antiquieren" und als "antike Arbeiten" erscheinen lassen könne. Dieses Angebot wollte man zunächst annehmen, doch überlegte man sich schließlich die ganze Angelegenheit und gab den Irrtum zu.

Dazu meinte Auer: "Wenn sich die Sachverständigen geirrt haben, dafür kann ich doch nichts. Die Experten müssen doch entscheiden, ob ein Kunstwerk echt ist oder nachgemacht. Ich verstehe nicht, warum ich deshalb wegen Betruges angeklagt werde."

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