Gas-Ionitrierung revolutioniert die bisher bekannten Härteverfahren

Neue Metall-Härtetechnik

Eigener Bericht

Id. Lübeck, 17. Februar

Noch to heute gebräuchlichen Lehrbüchern der Physik gilt es als Gesetz, daß sogenannte Glimmentladungen in gasgefttllten Behältern nur bei Strömen von weniger als 1 Ampere möglich und darüber hinaus für die Industrie völlig nutzlos sind. Nach mehr als zwanzigjähriger Entwicklungsarbeit konnte der Industrielle Bernhard Berghaus diese Lehrmeinung jetxt nutzbringend widerlegen. Dieses völlig neuartige, den blllang Tbst^PrL^on"bekannten Gesetzen der Glimment- stü & e gdlon vor dem Ionltrle ren auf die ladungsphysik widersprechende Ver- Ent jtoleranz geschliffen werden können. fahren wurde bis zur Produktionsreife Maßveränderungen kommen nicht vor, zumal entwickelt und das erste ?Gas-Ioni- der gesamte Vorgang elektronisch kontrolliert trierungsgerät" bei denBerlin-Lübecker Maschinenfabriken in Lübeck fertiggestellt Die Erfindung, bei der elektrische in thermische Energie unter einem bisher für unmöglich gehaltenen Nutzeffekt von mehr als 90 Prozent umgewandelt wird, eröffnet über das

schon Erreichte hinaus tatsächlich revolutionäre Entwicklungsmöglichkeiten. Ein vom Land Nordrhein- Westfalen getragenes Institut für Glimmentladungsforschung ist bereits in Köln tätig. Die industrielle Auswertung des bereits Erreichten läuft in diesen Tagen bei der Rheinmetall Berlin AG an.

Bei dem Berghausschen Verfahren wird an den in einer aus Wasserstoff und Stickstoff bestehenden Atmosphäre elektrisch isoliert aufgehängten Stahlteilen eine blaustrahlende Glimmentladung erzeugt, die besonders an der Innenwandung (bei Rohren usw.) eine solche Intensität besitzt, daß die Stücke unter dem .Bombardement" von Stickstoff-Ionen, die mit Geschwindigkeiten von mehr als 100 000 km/st auftreffen, auf etwa 500 Grad erhitzt werden. Die Stickstoffmoleküle dringen dabei gleichmäßig und tief ein und härten die Oberfläche.

Trotz der großen umgesetzten Energie von und genau gesteuert wird. Bei hohem elektrischen Wirkungsgrad ist der Gasverbrauch relativ unbedeutend ? das eingeschickte Gas wird restlos verbraucht. Da die Kammern ? deren Außenwände wassergekühlt sind und sich nicht auf mehr als 60 Grad erwärmen ? ln fast beliebiger Größe gebaut werden können, ist das gleichzeitige Ionltrleren mehrerer Stücke ohne Schwierigkeiten möglich.

Der gesamte Vorgang dauert 20 bis 50 Stunden. Die Lebensdauer dieser' ionltrierten Stähle ist dreimal höher als bei den bisher bekannten Verfahren. Ionltrierung eignet sich besonders für Teile mit langen oder komplizierten Bohrungen. Flächen und Kanten neigen dabei nicht zum Abblättern oder Splittern der besonders beanspruchten Stellen. Die erhöhte Ermüdungs- und Wärmefestigkeit sowie Pollturbeständigkeit dürfte hier interessante Perspektiven für den Düsen- und Raketenmotorenbau eröffnen.

Bernhard Berghaus (62) verlor gegen Ende des Krieges sein Berliner Privat-Instltut unter Verlust aller bis dahin erarbeiteten Unterlagen.' Nach dem Krieg konnte er ln der Schweiz erfolgreich neu beginnen. Als er vor wenigen Jahren sein Verfahren der Bundesregierung anbot, wurde ihm nach eingehenden Prüfungen von Sachverständigen Jede Unterstützung des Bundeswirtschaftsministeriums zuteil. Das lonitrlerungverfahren wurde für die damals staatseigene Rheinmetall Borsig AG., Jetzt Rheinmetall Berlin AG., gesichert.

Der seinerzeitige Hauptgutachter, Professor Dr. Walter Weizel, Direktor des Physikalischen Instituts der Universität Bonn, ist heute gleichzeitig Leiter des Instituts für Glimmentladungsforschung, das nach einem Vertrag zwischen dem Land Nordrhein-Westfalen und Bernhard Berghaus in Köln eingerichtet wurde.

Neueste Forschungen weisen darauf hin, daß sich das Gas-Ionttrierungsverfahren auch bei der Härtung anderer Metalle und selbst bei anderen als metallurgischen Prozessen anwenden läßt. Ein weites Feld von ungeahnten Möglichkeiten tut sich hier auf.

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