Attentat in BonnAnschlag auf einen Algerier ' Die Täter entkamen unerkannt

Plötzlich fielen aus einem schwarzen Auto Schüsse

T/Hk. Bonn, 6. November Schlagen die Wogen des französisch-algerischen Untergrundkrieges jetzt auch bis in die Bundeshauptstadt? Vorder tunesischen Botschaft in Bad Godesberg, mitten im Diplomatenviertel, ist gestern ein Revolverattentat verübt worden. Ein gutgezielter Schuß aus einer großkalibrigen Waffe, abgefeuert aus einem vorüberfahrenden schwarzen Mercedes, traf den Geheimbevollmächtigten der algerischen Exilregierung, Ameziane Ait Ahcene, am Kopf und verletzte ihn lebensgefährlich.

Der gesamte Polizeiapparat der Bundeshauptstadt und der Fahndungsdienst des Bundeskriminalamtes sind in Bewegung, um die bisher unbekannten Täter ausfindig zu machen. Auch das Auswärtige Amt hat sich eingeschaltet. Voller Unruhe und Gerüchte ist die Bundeshauptstadt. Politiker, Regierungsbeamte und Kriminalisten diskutieren erregt diesen ungewöhnlichen Zwischenfall, der in Bonn ohne Beispiel ist. Aber noch ist das Ergebnis der polizeilichen Ermittlungen mehr als dürftig. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß es sich um ein politisches Attentat handelt.

So hat sich nach" den bisher vorliegenden Informationen der in fast klassischer Gangstermanier ausgeführte Mordanschlag abgespielt :

Auf der großen vierbahnigen Bundesstraße 9, die zwischen Bonn und Godesberg verläuft und als "Diplomaten rennbahn" bekannt ist, fährt in schnellem Tempo eine lange Kolonne von Fahrzeugen. Als a Höchstgeschwindig- r, keit sind 70 km/st * erlaubt. Mitten in dieser Kolonne befindet sich der Bonner "Repräsentant" der algerischen Exilregierung mit seinem Peugeot. Neben ihm sitzt ein bildhübsches junges Mädchen.

Vor dem Gebäude der tunesischen Botschaft, die an der Stadtgrenze zwischen Bonn und Godesberg hinter einer übermannshohen dichten Hecke und schweren schmiedeeisernen Toren direkt an der Straße liegt, verringert der Wagen das Tempo, um in die Toreinfahrt einzubiegen. In diesem Augenblick übertonen trocken und hart mehrere Pistolenschüsse den Massenlärm. Sie werden aus einem schwarzen Mercedes abgefeuert, der sich unmittelbar hinter dem Peugeot befand, zertrümmern die rechte Scheibe, treffen den Algerier am Kopf. Eine Kugel durchschlägt den Unterkiefer und bleibt im Hals stecken. Ameziane Ait Ahcene, mittelgroß, schmächtig, 27 Jahre alt, eine dunkle Brille vor den Augen, bricht blutüberströmt über dem Steuerrad zusammen. Der st'euerlos gewordene Wagen prallt gegen die Pfeiler der Toreinfahrt. Ait Ahcene und seine Begleiterin springen sofort aus dem Fahrzeug, dessen Polster blutüberströmt sind und rennen in das Botschaftsgebäude.

Der Portier der tunesischen Botschaft leistete Erste Hilfe. Noch Stunden nach dem Attentat wiesen seine Ärmel große Blutflecken auf. Wild gestikulierend versuchte der Tunesier, der nur wenige Brocken Deutsch spricht, den Tatverlauf mit den Worten zu schildern: "Ja, ja! Auto ? bumm, bumm!" Die Frage, ob der junge Algerier tot sei, beantwortete er mit dem entsetzten Ausruf: "Nein! Gesund, gesund." Die Begleiterin des Algeriers, angeblich eine junge Französin, blieb unverletzt.

Inzwischen hat die Kriminalpolizei zahlreiche Hinweise aus der Bevölkerung über den Tatverlauf erhalten.

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