Bartok-Oper unter Rosenstock im NDR

"Herzog Blaubarts Burg"

Von den drei Bühnenwerken Bela Bartöks sind in der Hamburgischen Staatsoper bisher nur die Ballette "Der holzgeschnitzte Prinz" und "Der wunderbare Mandarin" aufgeführt worden. Dem NDR gebührt das Verdienst, auf Bartöks erste undeinzigeOper "Herzog Blaubarts Burg" (komponiert 1911, uraufgeführt 1918) aufmerksam gemacht zu haben, die als konzertante Erstaufführung gesendet wurde (Aufnahme eines öffentlichen Studiokonzerts vom 23. 5.).

In diesem bedeutenden Jugendwerk des ungarischen Komponisten ist einerseits die "Ahnenreihe" Wagner-Strauß- DebuHiy erkennbar, andererseits werden die Ansatzpunkte einer revolutionären Entwicklung und individuellen Stilprägung deutlich. Als Textvorlage bearbeitete der Librettist Bela Baläsz einen Stoff, den schon Maeterlinck Jahre zuvor für Dukes verwendet hatte. Man könnte ebenso gut Sigmund Freud zitieren, da die Deutung der symbolhaltigen Dichtung In den Bereich der Psychoanalyse fällt.

Der Inhalt: Blaubart entführt Judith in seine Burg. Am Hochzeitstage will sie das Geheimnis der verschlossenen Türen enträtseln. Widerstrebend überläßt er ihr die Schlüssel. Nacheinander öffnen sich Folter-, Waffen-, Schatzkammer, die vierte führt in einen Blumengarten, die fürifte gibt den Blick auf den weiten herzoglichen Landsitz frei, hinter der sechsten liegt ein Tränensee, und hinter der letzten wohnen die früheren Geliebten des Herzogs. Bei ihrem Anblick überwältigt ihn die Erinnerung, Judith verschwindet von seiner Seite und folgt den Frauen in die Kammer.

Abweichend von der herkömmlichen Form einer realistisch-dramatischen Bühnenhandlung baut Bartök seine einaktige Oper auf den Dialog zwischen Alt und Bariton auf. Das Orchester gibt mit der äußerlichen Illustration der jeweiligen "Schauplätze" auch Stimmung und Atmosphäre und spiegelt zugleich die seelischen Vorgänge. Erstaunlich, in dieser "neurotischen Partitur" das tonmalerische Genie Bartöks zu entdecken, der hier Farben von unheimlicher Leuchtkraft komponierte ? harte, düstere,

brodelnde, irisierende Klänge von magisch-suggestiver Gewalt, die die Phantasie des Zuhörers (wie mag es erst dem Zuschauer ergehen?) heftig erregen und unentwegt in Spannung halten.

Mit den ausgezeichneten Solisten Christa Ludwig und Walter Berry (zwei Sängern, die den dramatischen Nerv und den lyrischen Charakter dieser Musik genau erspürten), und dem von Joseph Rosenstock (New York) zu imponierender Leistung inspirierten NDR-Sinfonieorchester wurde dem Werk eine eindrucksvolle Wiedergabe zuteil. Den Prolog des Barden sprach Werner Rundshagen.

Eine Gegenüberstellung mit Mussorgskys "Bildern einer Ausstellung" in der Orchesterfassung Ravels (stilistich und thematisch vertretbar, denn auch hier werden ja optische Eindrücke in Musik übersetzt) konnte freilich keine Steigerung mehr erzielen, obwohl der Dirigent durch Überspitzung der orchestralen Effekte und pathetischen Ausdruckswillen offenbar derartiges anstrebte. s.T.

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